KI kann inzwischen ganze Welten erschaffen. Aber ist sie auch bereit für deutsche Bürokratie?
Neulich saß ich auf der Arbeit und wollte einfach nur auf meine eigene Musikbibliothek zugreifen. Mein kleiner Heimserver schnurrte zu Hause friedlich vor sich hin, sämtliche Dienste liefen, und selbst die CPU langweilte sich bei knapp einem Prozent Auslastung.
Nur mein mobiles Internet hatte andere Pläne.
Gestern Vodafone, heute o2. Langsam habe ich das Gefühl, dass deutsche Internetanbieter eine geheime Kooperation mit dem Dark-Souls-Entwickler FromSoftware eingegangen sind.
Und während ich mal wieder auf einen Ladebalken starrte, kam mir eine geniale Idee.
Warum entwickelt eigentlich niemand einen Deutschland-Simulator?
Nicht irgendeinen langweiligen Landwirtschafts- oder Bus-Simulator.
Nein.
Ich rede von einer kompromisslos realistischen Open-World-Survival-Simulation des deutschen Alltags.
Mit der heutigen KI-Technologie müsste sich daraus doch ein absoluter Kassenschlager machen lassen!
Willkommen in Deutschland – Schwierigkeitsgrad: Albtraum
Du beginnst das Spiel als frischgebackener Erwachsener.
Deine Startausrüstung besteht aus einem Personalausweis, 50 Euro, einem Smartphone mit 12 % Akku und einer Meldebescheinigung, die leider nicht mehr gültig ist.
Deine erste Quest lautet:
„Melde deinen Wohnsitz um.“
Klingt einfach?
HAHAHAHA!
Zunächst musst du einen Termin beim Bürgeramt vereinbaren. Der nächste freie Termin ist in sieben Wochen verfügbar. Allerdings nur dienstags um 10:37 Uhr.
Bis dahin ist deine Meldefrist abgelaufen.
Herzlichen Glückwunsch! Du hast deine erste Ordnungswidrigkeit freigeschaltet.
DLC 1: Internet Tycoon – Funkloch Edition
Du möchtest dein neues Zuhause mit Internet versorgen.
Dafür stehen dir drei Anbieter zur Auswahl, die sich durch unterschiedliche Logos und Warteschleifenmusik unterscheiden.
Du entscheidest dich für einen Gigabit-Kabelanschluss.
Download: 1.000 Mbit/s.
Upload: 50 Mbit/s.
Verfügbarkeit: abhängig von Mondphase, Wetterlage und der Laune des nächsten Verteilerkastens.
Die KI simuliert dabei ein vollständig dynamisches Störungssystem.
Montags funktioniert alles.
Dienstags fällt das Internet aus.
Mittwochs behauptet der Anbieter, es liege keine Störung vor.
Donnerstags kommt ein Techniker, der feststellt, dass ein anderer Techniker kommen muss.
Und freitags erhältst du eine SMS:
„Ihre Störung wurde erfolgreich behoben.“
Das Internet funktioniert weiterhin nicht.
Besonders spannend wäre der Multiplayer-Modus: Einer spielt den Kunden, einer den Techniker und drei weitere sitzen in unterschiedlichen Callcentern und wissen nichts voneinander.
DLC 2: Bahn Simulator – Verspätung Royale
Deine Aufgabe ist einfach: Fahre von Hannover nach Hamburg.
Geplante Reisezeit: 1 Stunde und 20 Minuten.
Tatsächliche Reisezeit: Wird prozedural generiert.
Die KI erstellt in Echtzeit neue Ereignisse:
- Signalstörung
- Weichenstörung
- Personalmangel
- Verspätung eines vorausfahrenden Zuges
- Unbekannter Gegenstand auf den Gleisen
- Ersatzzug fällt wegen technischer Probleme aus
Besonders gemein: Der Zug auf Gleis 4 wird plötzlich auf Gleis 9 verlegt.
Du hast 45 Sekunden Zeit.
Schaffst du es rechtzeitig, wird die Abfahrt um weitere 30 Minuten verschoben.
Schaffst du es nicht, fährt er pünktlich.
Zum ersten Mal seit drei Wochen.
DLC 3: Marode Brücken 3000
Ein Open-World-Rennspiel mit realistischer deutscher Straßeninfrastruktur.
Dein Ziel: Fahre 20 Kilometer von A nach B.
Die direkte Strecke führt über eine Brücke.
Leider ist sie gesperrt.
Die Umleitung führt über eine zweite Brücke.
Die wird gerade saniert.
Die nächste Umleitung führt durch eine Ortschaft, in der seit 2017 eine Baustelle existiert.
Die KI generiert dabei dynamisch neue Schlaglöcher, Baustellen und Verkehrsschilder.
Das Besondere: Die Spielwelt verändert sich ständig, aber die Baustellen werden niemals fertig.
Ein echtes Live-Service-Spiel!
DLC 4: Bürokratie des Todes – Ultimate Edition
Und jetzt kommen wir zum eigentlichen Meisterwerk.
Ein Hardcore-Rollenspiel mit KI-gesteuerten Behörden.
Du möchtest ein kleines Gewerbe anmelden.
Die KI erstellt daraufhin 37 individuelle Formulare, deren Anforderungen sich gegenseitig widersprechen.
Formular A38 benötigt die Bestätigung von Formular B12.
Formular B12 kann nur beantragt werden, wenn A38 bereits genehmigt wurde.
Du versuchst, den Sachbearbeiter anzurufen.
„Unsere telefonischen Sprechzeiten sind dienstags von 09:00 bis 09:15 Uhr.“
Es ist Dienstag, 09:07 Uhr.
Besetzt.
Um 09:16 Uhr erreichst du jemanden.
„Sie rufen leider außerhalb unserer Geschäftszeiten an.“
Der Clou: Dank generativer KI wiederholt sich kein Behördengespräch. Jeder Sachbearbeiter besitzt eine eigene Persönlichkeit, eigene Vorschriften und eine ganz persönliche Interpretation der Zuständigkeiten.
Ein NPC sagt dir, du sollst online einen Antrag stellen.
Der nächste erklärt dir, dass Onlineanträge nicht akzeptiert werden.
Und der dritte ist seit sechs Monaten im Urlaub.
Der finale Endgegner: Die Digitalisierung
Nach 200 Spielstunden hast du endlich sämtliche Genehmigungen erhalten.
Du besitzt ein Haus, einen Internetanschluss, ein angemeldetes Gewerbe und sogar eine funktionierende BahnCard.
Jetzt erscheint die letzte Quest:
„Digitalisiere einen Verwaltungsprozess.“
Du bekommst 500 Millionen Euro Budget, zwölf externe Beratungsunternehmen und einen Projektzeitraum von zehn Jahren.
Nach neun Jahren ist die Software fertig.
Leider benötigt sie Java 6, Internet Explorer 11 und eine Bildschirmauflösung von 1024 × 768 Pixeln.
Du startest das Programm.
„Fehler: Ihre Sitzung ist abgelaufen.“
Game Over.
Warum das mit KI tatsächlich genial wäre
Jetzt mal abgesehen vom ganzen Unsinn: Die Idee hätte tatsächlich etwas.
Mit generativer KI könnte man NPCs erschaffen, die nicht einfach nur dieselben fünf Dialogzeilen wiederholen.
Behördenmitarbeiter könnten individuell auf Spieler reagieren. Baustellen, Verkehrsprobleme und Verwaltungsabläufe könnten dynamisch entstehen. Jede Spielrunde wäre anders.
Natürlich bräuchte es dafür immer noch gute Entwickler, ein vernünftiges Spielkonzept und vor allem klare Regeln für die KI.
Ein Sprachmodell allein baut schließlich noch kein funktionierendes Spiel.
Aber stellt euch einmal vor, jemand würde daraus eine Mischung aus The Sims, Cities: Skylines, Papers, Please und Dark Souls entwickeln.
Mit einem einzigen Ziel:
Überlebe den deutschen Alltag.
Ich würde es kaufen.
Vermutlich sogar die Deluxe Edition.
Mit Season Pass.
Allerdings müsste man beim Kauf zunächst einen Antrag auf Freischaltung des Spiels stellen.
Bearbeitungszeit: sechs bis acht Wochen.
Und selbstverständlich nur per Fax.
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