Es gibt Linux-Distributionen, die wollen seriös wirken.

Und dann gibt es Nyarch Linux.

Eine Arch-basierte Distribution für Weebs.

Ja.

Wirklich.

Schon die Idee klingt wie etwas, das nachts um halb zwei in einem Discord-Channel entstanden ist, nachdem jemand gefragt hat:

„Was wäre, wenn Arch Linux nicht nur elitär, sondern auch noch maximal anime wäre?“

Und irgendwo hat jemand geantwortet:

„Sag nichts mehr. Ich baue das.“

Genau deshalb musste ich mir das Ding anschauen.


Was ist Nyarch Linux überhaupt?

Nyarch Linux ist im Kern eine Arch-basierte Linux-Distribution mit sehr deutlichem Anime-/Weeb-Einschlag.

Die offizielle Seite bewirbt Nyarch ziemlich direkt als Distribution für Weebs. Das Projekt selbst versteckt also gar nicht, was es sein möchte. Keine nüchterne Enterprise-Distro, kein „wir sind die Zukunft des Desktops“-Marketing, sondern eher:

Arch Linux, aber mit Catgirl-Energie.

Technisch basiert Nyarch auf Arch Linux und EzArcher. Das heißt: Unter der Haube steckt keine komplett neue Linux-Welt, sondern im Grunde eine Arch-Basis mit eigenen Anpassungen, Tools, Themes und einer sehr klaren Zielgruppe.

Oder anders gesagt:

Nyarch ist nicht deshalb spannend, weil es Linux neu erfindet.

Nyarch ist spannend, weil es eine bestimmte Ästhetik und Zielgruppe komplett ernst nimmt — obwohl das Ganze gleichzeitig halb Meme, halb Distro und halb Anime-Zimmer mit Paketmanager ist.

Ja, das sind drei Hälften.

Linux darf das.


Warum mich Nyarch überhaupt erwischt hat

Ich habe Nyarch eher zufällig entdeckt.

Und es war sofort so ein Moment von:

„Du bist genau die Zielperson. Probier mich aus. Installier mich. Du weißt, dass du es willst.“

Natürlich wollte ich eigentlich vernünftig sein.

Ich steckte noch mitten in meinem NixOS-Projekt, hatte genug andere Baustellen offen und keinen echten Grund, mir noch eine weitere Distribution anzuschauen.

Aber Nyarch hat eben diesen einen Vorteil:

Es sieht sofort nach etwas aus.

Nicht nach „hier ist Arch mit anderem Wallpaper“.

Sondern nach:

„Wir haben eine Idee. Sie ist fragwürdig. Aber wir ziehen sie durch.“

Und das respektiere ich.

Als kleiner Otaku-kun mit Linux-Schaden kann man so eine Distro nicht einfach ignorieren. Man kann so tun, als wäre man vernünftig. Man kann sagen: „Nein, Kiru, du brauchst das nicht.“

Aber innerlich hat man die ISO schon halb runtergeladen.


Das GRUB-Theme: überraschend stark

Was ich wirklich loben muss: Das GRUB-Theme.

Nyarch sieht nicht nur im laufenden System nach Anime-Linux aus, sondern fängt schon beim Booten damit an.

Und das ist ein Punkt, den viele Distributionen unterschätzen.

Ein Bootmenü ist meistens entweder langweilig, zweckmäßig oder sieht aus wie ein Notfallbildschirm aus einer Serverkammer. Nyarch dagegen macht daraus direkt einen kleinen Stil-Moment.

Das GRUB-Theme wirkt auf den ersten Blick nicht wie zufällig zusammengeworfen, sondern wie Teil des Gesamtkonzepts. Anime-Optik, klare Stimmung, etwas verspielt, aber nicht komplett unlesbar.

Und ja, das ist wichtig.

Wenn man schon eine Distro für Weebs baut, dann bitte nicht erst nach dem Login anfangen. Dann muss auch der Bootloader sagen:

„Willkommen zurück, degenerierter Arch-Mensch.“

Nyarch macht genau das.

Das ist unnötig.

Aber es ist schön unnötig.


Nyarch Assistant: charmante Idee, aber nicht alternativlos

Ein großer Teil von Nyarchs Eigencharakter ist der Nyarch Assistant.

Die Idee ist erstmal cool: Ein KI-Assistent, der in das System integriert ist und beim Umgang mit Linux helfen soll.

Gerade für eine Distro, die offensichtlich auch jüngere, neugierige oder eher spielerische Nutzer ansprechen möchte, ergibt das Sinn. Statt nur ein Terminal hinzuknallen und zu sagen „lies das ArchWiki“, wirkt ein Assistent erstmal zugänglicher.

Und genau das hat mich auch angefixt, Nyarch wirklich mal zu installieren.

Aber brutal ehrlich: Der Nyarch Assistant ist eher ein interessantes Konzept als ein Grund, Nyarch dauerhaft zu nutzen.

Für lokale KI oder ernsthafte Assistenz gibt es bessere und flexiblere Wege. LM Studio, Ollama, Open WebUI, eigene Modelle, Distrobox-Setups — je nachdem, was man machen möchte.

Nyarch Assistant ist eher:

„Schau mal, wir haben eine Anime-Linux-Distro mit eingebautem Assistenten.“

Und das ist cool.

Aber es ist kein Ersatz für ein sauber selbst aufgebautes KI-Setup.


Catgirl Downloader: Linux war ein Fehler. Ein schöner Fehler.

Dann gibt es noch den Catgirl Downloader.

Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich darüber lachen oder anerkennend nicken soll.

Wahrscheinlich beides.

Der Catgirl Downloader ist genau das, wonach er klingt: ein Tool, um Catgirl-/Waifu-Bilder herunterzuladen.

Ist das notwendig?

Nein.

Ist es fragwürdig?

Natürlich.

Passt es perfekt zu einer Distribution, die sich selbst als Arch-Distro für Weebs versteht?

Leider ja.

Und genau da liegt der Punkt: Nyarch ist nicht peinlich, weil es solche Tools hat. Nyarch wäre eher komisch, wenn es so tun würde, als wäre es eine hochseriöse Arbeitsstation für Finanzbuchhaltung.

Das Projekt weiß, was es ist.

Es ist Arch mit Anime-Meme-Blutgruppe.

Und dazu gehört eben auch ein Catgirl Downloader.

Ob man ihn braucht, ist eine andere Frage.

Antwort: nein.

Aber ob er zur Distro passt?

Absolut.


Unter der Haube: am Ende doch Arch

So charmant Nyarch auch wirkt: Man darf sich davon nicht täuschen lassen.

Unter der Haube ist es am Ende eine Arch-basierte Distribution.

Das ist einerseits gut, weil Arch eine riesige Softwarebasis, aktuelle Pakete, das AUR und eine starke Dokumentationskultur mitbringt.

Andererseits heißt es auch: Nyarch ist nicht plötzlich magisch stabiler, einfacher oder besser, nur weil Anime-Mädchen auf dem Wallpaper sind.

Rolling Release bleibt Rolling Release.

Arch bleibt Arch.

Und wenn etwas kaputtgeht, hilft dir im Zweifel nicht das Catgirl, sondern dein Terminal.

Das sollte man wissen.

Nyarch ist also nicht die Distro, die ich jemandem empfehlen würde, der einfach nur komplett sorgenfrei Linux ausprobieren will.

Dafür gibt es Linux Mint, Ubuntu, Fedora, Debian oder andere deutlich vernünftigere Kandidaten.

Nyarch ist eher ein Projekt für Leute, die Arch sowieso spannend finden und zusätzlich sagen:

„Kann das bitte mehr nach Anime aussehen?“


Was Nyarch für mich richtig macht

Trotz aller fragwürdigen Eigenheiten: Ich mag die Idee.

Wirklich.

Linux-Distributionen sind oft entweder sehr technisch, sehr nüchtern oder sehr vorsichtig darin, eine eigene Persönlichkeit zu zeigen.

Nyarch macht das Gegenteil.

Es sagt nicht:

„Wir sind die beste Distribution für alle.“

Sondern eher:

„Wir sind Arch für Weebs. Du weißt schon, ob du gemeint bist.“

Und das ist ehrlich.

Diese Klarheit gefällt mir.

Nicht jede Distribution muss versuchen, alle Menschen abzuholen. Manchmal reicht es, eine Nische richtig zu treffen.

Nyarch trifft seine Nische ziemlich genau: Anime-Fans, Arch-Neugierige, Meme-Linux-Menschen und Leute, die bei einem hübschen Bootscreen sofort schwach werden.

Also leider auch mich.


Was mich eher vorsichtig macht

Trotzdem würde ich Nyarch nicht als Hauptsystem nehmen.

Nicht, weil es schlecht ist.

Sondern weil ich bei meinem Daily-System andere Prioritäten habe.

Ich möchte eine Basis, der ich langfristig vertraue. Bei mir ist das aktuell CachyOS als bequemes Arch-Daily und perspektivisch NixOS als reproduzierbare Homebase.

Nyarch ist dagegen für mich eher ein Ausflug.

Ein sehr unterhaltsamer Ausflug.

Aber eben kein Ort, an dem ich einziehen möchte.

Gerade bei kleinen Spezialdistributionen muss man immer im Hinterkopf behalten:

  • Wie groß ist das Entwicklerteam?
  • Wie schnell werden Probleme gefixt?
  • Wie sauber sind eigene Tools gepflegt?
  • Wie stark hängt alles an wenigen Personen?
  • Wie gut überlebt das Projekt in zwei Jahren?

Das heißt nicht: Finger weg.

Es heißt nur:

Mit Spaß testen, aber nicht blind das Hauptsystem darauf bauen.

So zumindest meine Sicht.


Mein Fazit

Nyarch Linux ist eine dieser Distributionen, bei denen man nicht nüchtern fragen sollte:

„Braucht die Welt das?“

Denn die ehrliche Antwort wäre wahrscheinlich:

Nein.

Aber die bessere Frage ist:

„Ist es schön, dass es sowas gibt?“

Und da sage ich klar:

Ja.

Nyarch ist keine Distribution, die ich als ernsthafte Empfehlung für jeden Linux-Einsteiger in den Raum werfen würde. Dafür ist sie zu speziell, zu verspielt und zu sehr auf eine ganz bestimmte Zielgruppe zugeschnitten.

Aber genau deshalb ist sie interessant.

Sie ist eine Arch-Distro mit Persönlichkeit.

Eine Distro, die nicht so tut, als wäre sie neutral.

Eine Distro, die sagt:

„Hier ist dein Anime-Linux. Nimm es oder lass es.“

Das GRUB-Theme ist hübsch, die Idee ist charmant, die Eigenheiten sind teilweise fragwürdig, aber genau dadurch bleibt Nyarch im Kopf.

Für mich fliegt sie wahrscheinlich wieder von der Platte.

Aber nicht, weil ich sie bereue.

Sondern weil sie ihren Zweck erfüllt hat:

Ich habe gelacht, gestaunt, ein bisschen den Kopf geschüttelt und mich daran erinnert, dass Linux nicht immer nur ernst, sauber und vernünftig sein muss.

Manchmal darf Linux auch einfach sagen:

„Nyaa.“