Es gibt diese Anime, bei denen man ziemlich genau weiß, was man bekommt: adlige Hauptfigur, gebrochene Verlobung, ein bisschen Intrige, ein Neustart irgendwo anders und zwischendurch genug Wohlfühlmomente, um das Ganze angenehm wegzuschauen. Genau deshalb mag ich solche Serien eigentlich ganz gern. Sie sind oft perfekte „mal eben zwischendurch“-Anime.

A Livid Lady’s Guide to Getting Even: How I Crushed My Homeland with My Mighty Grimoires sah anfangs genau danach aus.

Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich mich ernsthaft fragen musste, was für einen Anime ich da eigentlich gerade schaue.

Spoilerwarnung: Ich spreche im Folgenden offen über die komplette erste Staffel einschließlich des Finales.


Einmal alles verloren? Dann gründe ich eben eine Firma

Elizabeth – später Ellie – tat mir am Anfang tatsächlich leid. Sie ist intelligent, kompetent und wirkt trotz ihrer Stellung erstaunlich sympathisch. Dann wird sie vom Kronprinzen öffentlich fallengelassen, eingesperrt und von genau dem Land verraten, für das sie jahrelang gearbeitet hat.

Andere Protagonistinnen würden jetzt vielleicht zwei Folgen lang weinen.

Ellie entscheidet sich stattdessen sinngemäß für: Scheiß drauf, dann fange ich eben von vorne an.

Und genau das hat mir richtig gut gefallen.

Sie flieht, baut sich im Nachbarreich eine neue Existenz auf und gründet gleich noch ein Handelsunternehmen. Ihre Rache besteht eben nicht nur darin, irgendwann mit einem riesigen Zauber vor dem Königspalast aufzutauchen. Sie baut Kontakte auf, verdient Geld, sammelt Einfluss und arbeitet systematisch daran, ihrem alten Heimatland Stück für Stück den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Der Anime beschreibt ihr Arsenal passenderweise nicht nur mit Magie, sondern mit Beziehungen, Wirtschaft und militärischer Macht.

Das passt erstaunlich gut zu ihr. Ellie wirkt nicht wie jemand, der spontan ausrastet. Sie plant. Sie wartet. Und wenn sie zuschlägt, dann möglichst dort, wo es wirklich weh tut.


Eine liebenswürdige Protagonistin mit Racheplan – was soll schon passieren?

Das Interessante ist, dass ich Ellie trotz dieses ganzen Rachethemas lange als ziemlich liebenswürdig wahrgenommen habe.

Sie kümmert sich um die Menschen um sich herum, baut sich eine kleine neue Gemeinschaft auf und wirkt in vielen Alltagsszenen überhaupt nicht wie jemand, der innerlich gerade eine Excel-Tabelle mit der Überschrift „Menschen, deren Leben ich ruinieren möchte“ pflegt.

Gerade dadurch funktioniert ihr Rachefeldzug aber so gut.

Man vergisst zwischendurch fast, wie ernst sie ihren Schwur eigentlich meint.

Bis Folge 7 und 8.

Da musste ich schlucken.

Robert, ein Ritter aus ihrem früheren Heimatland, hat sich mit seinen Männern gegen den Kronprinzen gestellt und ergibt sich schließlich. Er ist dabei nicht einmal als klassischer Widerling gezeichnet. Im Gegenteil: Er wirkt vernünftig, freundlich und erkennt, dass das Verhalten seines Herrschers nicht mehr tragbar ist.

Ellie begleitet ihn und seine Truppe ein Stück.

Und in der Nacht lässt sie seine Männer sterben.

Nicht im Kampf. Nicht als Kollateralschaden irgendeiner großen Schlacht. Sondern als Teil ihrer Vergeltung.

Robert selbst überlebt. Später erwacht er wieder in seiner Heimat, völlig desorientiert. Erinnerungen kehren zurück, eine Stimme in seinem Kopf befiehlt ihm zu handeln – und schließlich richtet sich sein Schwert gegen die Menschen um ihn herum.

Ich musste über diese beiden Folgen tatsächlich mehrfach nachdenken.

Bis dahin hatte ich Ellie ziemlich bedenkenlos gefeiert.

Danach nicht mehr.

Das heißt nicht, dass ich sie plötzlich unsympathisch fand. Im Gegenteil: Ich finde sogar, dass diese Konsequenz sie als Figur interessanter macht. Aber der Anime zieht einem hier ziemlich deutlich den bequemen Teppich unter den Füßen weg.

Rache klingt immer ziemlich cool, solange sie nur die eindeutig Bösen trifft.

Hier trifft sie irgendwann Menschen, bei denen man nicht mehr einfach zufrieden applaudieren kann.

Und genau ab diesem Moment wurde ich vorsichtiger damit, Ellie automatisch auf die Seite der „Guten“ zu stellen.


Mein kleiner Frauen-Clan rettet die Stimmung

Zum Glück besteht die Serie nicht zwölf Folgen lang nur aus düsteren Racheplänen.

Mireille, Ellies Maid, war für mich tatsächlich eines der Highlights. Ellie mag die Hauptfigur sein – aber wenn ich mir aus dieser Serie eine Waifu aussuchen müsste, wäre es wahrscheinlich ihre Maid.

Sie ist loyal, kompetent und gleichzeitig genau die richtige Person neben einer Hauptfigur, die jederzeit beschließen könnte, ein Königreich wirtschaftlich und magisch auseinanderzunehmen.

Später kommen mit Lunoa und Misha noch zwei deutlich süßere Energiebündel dazu. Zusammen entwickelt sich daraus fast ein kleiner Frauen-Clan, der als Gegenstück zu Ellie und Mireille erstaunlich gut funktioniert.

Und dann gibt es noch Tida.

Eine betrügerische, saufende Priesterin hätte sehr leicht nur ein nerviger Gag werden können. Stattdessen hat sie für mich genau die richtige Menge Chaos mitgebracht und die Gruppe herrlich aufgelockert.

Gerade diese Figuren sorgen dafür, dass sich der Anime trotz seines ziemlich finsteren Kernthemas zwischendurch wieder angenehm leicht anfühlt.


Zwölf Folgen, meistens gutes Tempo – und dann kommt das Finale angerannt

Das Pacing fand ich insgesamt überraschend ordentlich.

Der Anime nimmt sich immer wieder Zeit für Ellies neues Leben, ihre Handelsgeschäfte und die Beziehungen innerhalb der Gruppe. Selbst ein Strandabschnitt darf vorkommen, ohne dass ich das Gefühl hatte, die Geschichte würde komplett stehen bleiben.

Erst zum Ende hin merkt man wieder dieses typische Zwölf-Folgen-Problem:

Da liegt noch einiges auf dem Tisch, also bitte alle einsteigen – der Handlungszug fährt jetzt etwas schneller.

Trotzdem empfand ich es nicht als Totalschaden. Die Staffel funktioniert als eigener Abschnitt ziemlich gut.

Auch technisch hatte ich wenig zu meckern. Studio Comet liefert hier kein Animationswunder ab, aber auch nichts, was mich aus der Serie gerissen hätte. Musik und Inszenierung funktionieren, und Opening wie Ending mochte ich sogar ziemlich gern.

Das Opening „Q.E.D.“ von Yui Ogura und das Ending „Goodbye Lullaby“ von Aguri Ōnishi passen mit ihrer etwas dunkleren Grundstimmung erstaunlich gut zu Ellies Geschichte.


Der beste Cliffhanger ist eine Frage

Besonders gefallen hat mir deshalb die zwölfte Folge.

Nicht weil sie Ellies Rache endgültig abschließt – genau das tut sie natürlich nicht.

Sondern weil der Anime am Ende endlich eine Frage aufwirft, die bei mir spätestens seit Robert ohnehin im Raum stand:

Was passiert eigentlich mit Ellie, wenn sie ihre Rache wirklich vollendet hat?

War alles, was sie getan hat, tatsächlich gerecht, nur weil ihr selbst zuerst Unrecht widerfahren ist?

Und selbst wenn sie ihr altes Heimatland am Ende wirklich zerstört: Kann sie danach einfach in ihr neues Leben zurückkehren und damit leben?

Das ist ein überraschend guter Gedanke für eine Serie, die auf den ersten Blick wie die nächste entspannte „Adlige wird verraten und startet neu“-Geschichte aussieht.

Ellie bleibt für mich sympathisch. Ich mag ihre Intelligenz, ihren Neuanfang und gerade ihr systematisches Vorgehen.

Aber ich weiß nach zwölf Folgen eben auch, dass ich besser nicht bei jeder ihrer Entscheidungen sofort mit der Fahne wedeln sollte.

Und genau deshalb will ich eine zweite Staffel.

Nicht nur, weil ich sehen möchte, wie ihre Rache weitergeht.

Ich möchte wissen, was davon am Ende von Ellie selbst übrig bleibt.

Auf den offiziellen Anime-Seiten ist Stand 23. September 2026 noch keine zweite Staffel angekündigt.

Und wenn Staffel zwei nicht kommt, hätte ich zumindest gerne ein deutsches Light-Novel-Debüt.

Man wird ja wohl noch Forderungen stellen dürfen.

Ellie würde schließlich auch nicht einfach freundlich darauf hoffen.


Infobox

  • Titel: A Livid Lady’s Guide to Getting Even: How I Crushed My Homeland with My Mighty Grimoires
  • Japanischer Titel: ブチ切れ令嬢は報復を誓いました。~魔導書の力で祖国を叩き潰します~
  • Format: TV-Anime
  • Episoden: 12
  • Japanische Ausstrahlung: Juli bis September 2026
  • Studio: Studio Comet
  • Regie: Naoyuki Kuzuya
  • Serienkomposition: Mitsutaka Hirota
  • Vorlage: Light Novel von Hagure Metabo, Illustrationen von Masami
  • Light Novel Japan: 8 Bände
  • Manga Japan: 11 Bände
  • Streaming Deutschland: Crunchyroll
  • Audio: Japanisch
  • Deutsche Untertitel: Ja
  • Deutsche Synchronisation: aktuell nicht gelistet
  • Opening: „Q.E.D.“ – Yui Ogura
  • Ending: „Goodbye Lullaby“ – Aguri Ōnishi
  • Staffel 2: Stand 23. September 2026 nicht offiziell angekündigt

Kaufen und offiziell lesen

  • Crunchyroll Deutschland
    Der Anime ist dort mit japanischer Tonspur und deutschen Untertiteln verfügbar.
  • J-Novel Club
    Offizielle englische Digitalausgabe der Light Novel.
  • Yen Press
    Englische Printausgabe der Light Novel.

Quellen und weiterführende Informationen