Es gibt Distributionen, bei denen ich ziemlich schnell weiß, woran ich bin. Arch? Basteln. Fedora? Moderne Technik, relativ nah am Puls der Zeit. Kubuntu? KDE drauf, fertig, ich bin glücklich.

Und dann gibt es Linux Mint.

Eigentlich müsste ich Mint mögen.

Die Distribution ist konservativ, ohne komplett stehenzubleiben. Sie rennt nicht jedem neuen Trend hinterher, versucht ihren Nutzern möglichst wenig Unsinn vor die Füße zu werfen und hat über fast 20 Jahre eine erstaunlich klare Vorstellung davon entwickelt, was ein Desktop-System sein soll.

Das Problem ist nur: Ich mag die Desktops nicht, die Mint mir anbietet.

Cinnamon erzeugt bei mir dieses schwer erklärbare Gefühl, das ich schon einmal als moderne LED-Streifen an einer alten Schrankwand beschrieben habe. MATE und Xfce sind mir als tägliche Umgebung ebenfalls zu weit von dem entfernt, was ich heute von einem Desktop möchte.

Und trotzdem schaue ich immer wieder interessiert zu Linux Mint rüber.

Denn je mehr ich mich mit der Geschichte dieser Distribution beschäftigt habe, desto mehr Respekt habe ich vor ihr bekommen.


Von einer Webseite zur Distribution

Linux Mint entstand nicht mit einem großen Masterplan.

Clément „Clem“ Lefebvre schrieb Mitte der 2000er Jahre Reviews und Tutorials über Linux-Distributionen. Dafür registrierte er linuxmint.com. Durch das ständige Testen, Vergleichen und Umbauen entstand irgendwann eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie sich ein Desktop-Linux seiner Meinung nach verhalten sollte.

Im August 2006 erschien daraus Linux Mint 1.0 „Ada“.

Und aus heutiger Sicht ist die erste Version fast schon eine kleine Kuriosität: Ada basierte auf Kubuntu 6.06 und verwendete KDE. Das heutige Mint-Universum aus Cinnamon, MATE und Xfce existierte noch nicht.

Schon wenige Monate später änderte sich die Richtung deutlich. Linux Mint 2.0 „Barbara“ wechselte auf Ubuntu und GNOME.

Genau hier erkennt man bereits einen Gedanken, der Mint bis heute begleitet: Der Nutzer soll seinen Rechner benutzen können, ohne vorher einen Grundkurs in Paketverwaltung besuchen zu müssen.


Der große Bruch: GNOME 3

Der wirklich entscheidende Moment kam aber einige Jahre später.

Mit GNOME 3 veränderte sich der Linux-Desktop massiv. Klassische Bedienkonzepte verschwanden oder wurden neu gedacht. Für manche war das Fortschritt. Für Mint war es vor allem ein Problem.

Linux Mint 12 versuchte zunächst, GNOME Shell mit eigenen Erweiterungen wieder stärker an die bisherige Bedienung anzunähern. Gleichzeitig unterstützte Mint MATE, das die GNOME-2-Tradition weiterführte.

Richtig zufrieden war man damit offenbar nicht.

Also entstand 2012 Cinnamon.

Und genau hier wird Mint für mich interessant.

Andere Projekte hätten sagen können: Das ist jetzt eben die neue GNOME-Richtung, gewöhnt euch dran.

Mint sagte sinngemäß:

Nein.

Wenn die Desktopumgebung nicht mehr zu unserer Vorstellung passt, bauen wir eben eine eigene.

Das kann man stur nennen. Ich nenne es konsequent.

Clem erklärte bei der Vorstellung von Cinnamon ziemlich offen, dass GNOME Shell sich in eine Richtung bewege, der Mint nicht folgen wolle. Cinnamon sollte moderne Technik mit der eigenen Vorstellung eines Desktops verbinden.


Mint macht lieber weniger

Dieses Prinzip taucht ständig wieder auf.

2014 änderte Mint seinen Release-Ansatz. Statt ständig jeder neuen Ubuntu-Version hinterherzulaufen, basieren mehrere Mint-Versionen auf derselben Ubuntu-LTS-Basis.

Warum?

Weil ein kleines Team seine Zeit besser in Cinnamon, die eigenen Werkzeuge und die eigentliche Desktop-Erfahrung stecken kann, als alle sechs Monate den kompletten Unterbau auszutauschen.

Das ist für mich einer der sympathischsten Punkte an Mint.

Nicht alles anbieten. Nicht überall der Erste sein. Lieber Lücken akzeptieren und die Dinge pflegen, die man wirklich betreuen kann.

Genau deshalb verschwand später sogar die offizielle KDE-Ausgabe. Nicht weil KDE schlecht wäre. KDE und Qt lagen technisch nur immer weiter von der GTK-Welt entfernt, auf die sich Mint konzentrierte.

Also flog KDE raus.

Als KDE-Nutzer finde ich das natürlich persönlich höchst verdächtig.

Aber ich kann die Entscheidung respektieren.

Mint beschreibt seine Strategie selbst ziemlich passend: Qualität statt Quantität, weniger machen und das dafür besser.


LMDE: Falls Ubuntu irgendwann nervt

Noch interessanter ist Linux Mint Debian Edition, kurz LMDE.

Die erste Version erschien 2010 und basierte direkt auf Debian. LMDE war von Anfang an mehr als nur eine Spielerei.

Es beantwortet eine ziemlich wichtige Frage:

Was passiert mit Mint, wenn Ubuntu irgendwann verschwindet oder eine Richtung einschlägt, die für Mint nicht mehr funktioniert?

LMDE ist deshalb gleichzeitig Alternative, Versuchslabor und Versicherungspolice.

Mint hat Ubuntu bis heute nicht verlassen. Aber das Projekt sorgt seit vielen Jahren dafür, dass es theoretisch könnte.

Auch das passt wunderbar zur Mentalität dieser Distribution.

Wenn uns etwas zu abhängig macht, bauen wir einen zweiten Weg.

Wenn Upstream uns nicht gefällt, bauen wir eine Alternative.

Wenn eine Anwendung nicht mehr zu unseren Desktops passt, entstehen XApps.


Kein Ein-Mann-Hobbyprojekt mehr

Mint bezeichnet sich heute selbst als eine der beliebtesten Desktop-Linux-Distributionen und spricht von Millionen Nutzern. Eine wirklich belastbare Installationszahl gibt es aber nicht – und DistroWatch ist dafür ebenfalls kein brauchbarer Ersatz, weil dort Seitenaufrufe gezählt werden, keine aktiven Systeme.

Interessanter finde ich ohnehin, dass Mint nach zwei Jahrzehnten noch immer ohne Konzern im Rücken existiert.

Finanziert wird das Projekt unter anderem über Spenden, Sponsoren, Werbung und Patreon. Im Juli 2026 kamen laut Mint 15.693 US-Dollar von 438 Spendern zusammen, zusätzlich unterstützten 2.369 Patrons das Projekt mit gut 5.200 Dollar im Monat.

Das ist natürlich keine Red-Hat-Größenordnung.

Aber es reicht offenbar, damit ein vergleichsweise kleines Team einen eigenen Desktop, eigene Anwendungen, eigene Systemwerkzeuge und gleich zwei Mint-Linien betreiben kann.

Auch irgendwie beeindruckend.


Snap, Flatpak und Kontrolle

Der Snap-Konflikt ist vielleicht das bekannteste Beispiel für Mints Haltung.

Mint störte sich nicht einfach daran, dass Snap existiert. Das Problem war, dass ein Nutzer über APT vermeintlich ein normales Debian-Paket anforderte und dabei im Hintergrund Snap-Infrastruktur installiert wurde.

Mint blockierte deshalb die automatische Installation von snapd.

Wer Snap bewusst benutzen möchte, kann das weiterhin tun.

Das Entscheidende ist wieder die Kontrolle.

Ähnlich vorsichtig geht Mint inzwischen sogar mit Flatpak um. Ein Nutzer soll erkennen können, woher eine Anwendung stammt und wem er dabei eigentlich vertraut.

Das ist konservativ.

Aber nicht zwangsläufig rückwärtsgewandt.


Manchmal war Mint allerdings zu vorsichtig

Ganz ohne Kritik kommt die Geschichte natürlich nicht aus.

Früher sortierte der Update Manager Aktualisierungen nach Risikostufen. Bestimmte Kernel- und Systemupdates wurden nicht standardmäßig empfohlen. Das sollte Stabilität schützen, konnte aber gleichzeitig Sicherheitsupdates verzögern.

Die Kritik daran war berechtigt.

Mint hat dieses Modell später aufgegeben. Heute lautet die Philosophie eher: Updates installieren, mit Timeshift Snapshots erstellen und bei echten Problemen zurückrollen.

2016 traf Mint außerdem der vermutlich schlimmste Sicherheitsvorfall seiner Geschichte. Angreifer manipulierten die Webseite und verbreiteten darüber eine kompromittierte Version von Linux Mint 17.3 Cinnamon. Zusätzlich wurde die Forendatenbank gestohlen.

Auch das gehört zur Geschichte.

Eine Distribution wird schließlich nicht glaubwürdiger, wenn man ihre hässlichen Kapitel weglässt.

Und dann wäre da Wayland.

Ja, Mint war spät.

Sehr spät.

Während GNOME und KDE längst massiv auf Wayland setzten, blieb Cinnamon lange bei X11. Erst seit einigen Jahren wird die Wayland-Unterstützung ernsthaft ausgebaut.

Mit der nächsten Cinnamon-Version soll sie nicht mehr als experimentell gelten; X11 und Wayland sollen beide vollständig unterstützt werden.

Das ist typisch Mint:

Lieber später als halbgar.

Je nachdem, was man gerade braucht, ist das entweder beruhigend oder nervtötend.


Mint 2026: Konservativ heißt nicht eingefroren

Aktuell ist Linux Mint 22.3 „Zena“ die stabile Ausgabe. Gleichzeitig arbeitet das Team an einem längeren Entwicklungszyklus für die nächste Generation.

Die nächste große Veröffentlichung ist erst für Weihnachten 2026 geplant. Gleichzeitig gibt es inzwischen HWE-Images mit neueren Kerneln für aktuelle Hardware – im August sogar mit Kernel 7.0.

Auch technisch passiert einiges: Die kommende Entwicklungsbasis verwendet Ubuntu 26.04 LTS, der aus LMDE stammende Live-Installer soll den bisherigen Installationsweg ersetzen und Mint bezeichnet den gemeinsamen Installer sowie die deutlich weiter entwickelte Wayland-Unterstützung selbst als wichtige Meilensteine.

Mint verändert sich also durchaus.

Es tut es nur normalerweise in seinem eigenen Tempo.

Und genau hier komme ich wieder zu meinem persönlichen Problem.


Ich mag euch. Nur nicht eure Möbel.

Je länger ich mich mit Linux Mint beschäftige, desto mehr mag ich die Idee hinter der Distribution.

Ich respektiere die Konsequenz.

Ich respektiere den Mut zur Lücke.

Ich respektiere ein kleines Projekt, das lieber „Nein“ sagt, als etwas anzubieten, das es nicht vernünftig pflegen kann.

Und ich könnte sogar mit der konservativen Paketbasis leben.

Was ich nicht kann, ist mich dauerhaft mit Cinnamon, MATE oder Xfce anfreunden.

Natürlich könnte ich Mint installieren und anschließend KDE Plasma oder Hyprland darüberkippen. Linux hält mich nicht davon ab.

Aber warum sollte ich?

Mint steckt enorm viel Arbeit hinein, seine Distribution als zusammenhängendes Desktop-Erlebnis zu bauen. Wenn mein erster Schritt danach wäre, einen zentralen Teil davon herauszureißen, sollte ich vielleicht einfach akzeptieren, dass wir nicht füreinander bestimmt sind.

Vielleicht ist genau das mein größtes Kompliment an Linux Mint.

Ich respektiere die Distribution genug, um sie nicht so lange umzubauen, bis sie mir gefällt.

Mint weiß ziemlich genau, was es sein will.

Ich weiß ziemlich genau, was ich von meinem Desktop will.

Es überschneidet sich nur leider nicht.

Also bleibe ich vorerst am Rand stehen, schaue interessiert zu und lasse die Leute in Ruhe glücklich werden, die sich in Cinnamons Wohnzimmer tatsächlich wohlfühlen.

Die LED-Streifen dürfen sie trotzdem behalten.


Quellen