Ich wollte morgens einfach nur Windows 10 starten. Mehr nicht. Kein wildes Basteln. Kein Registry-Voodoo. Kein Bootloader-Experiment. Kein „Ich teste nur kurz etwas“, was unter Linux bekanntlich meistens damit endet, dass man drei Stunden später mit Taschenlampe im UEFI steht und leise flucht.
Nein.
Ich wollte einfach nur den Rechner starten.
Windows hochfahren.
Ein bisschen Alltag.
Vielleicht später entspannt Final Fantasy XIV spielen.
Ganz normale Menschendinge.
Windows hatte offenbar andere Pläne.
Denn als ich den Rechner morgens anmachte, sah Windows plötzlich aus, als hätte es sich selbst vergessen.
Nicht kaputt im klassischen Sinne.
Nicht Bluescreen.
Nicht „Datenträger wird repariert“.
Nicht „Update 98 %, bitte schalten Sie den Computer nicht aus“, während man innerlich bereits sein Testament schreibt.
Nein.
Windows war einfach nackt.
So richtig nackt.
Als hätte ich es gerade frisch installiert.
Als würde es mich nicht mehr kennen.
Als hätte es über Nacht beschlossen:
„Kiru? Nie gehört. Willkommen bei Windows.“
Und ich saß davor und dachte nur:
„Ähm. Bruder. Wir wohnen hier seit drei Jahren zusammen.“
Drei Jahre Chaos waren okay
Das Absurde daran ist ja:
Dieses Windows lief ungefähr drei Jahre.
Und in diesen drei Jahren hat es einiges gesehen.
Spiele.
Launcher.
Updates.
Treiber.
Programme.
Tools.
Reste von Tools.
Reste von Resten von Tools.
Ordner, bei denen ich selbst nicht mehr wusste, ob sie wichtig sind oder nur noch aus nostalgischen Gründen existieren.
Dieses Windows hatte drei Jahre PC-Alltag hinter sich.
Drei Jahre „ach, das installiere ich nur kurz“.
Drei Jahre „das brauche ich bestimmt nochmal“.
Drei Jahre „warum liegt hier eigentlich noch ein Setup von 2022?“.
Und Windows so:
„Alles gut. Läuft.“
Aber dann kommt ein völlig normaler Morgen.
Kein Chaos.
Kein Basteltrieb.
Kein gefährlicher Eingriff.
Einfach nur Rechner an.
Und Windows entscheidet:
„Heute bin ich neu geboren.“
Das ist genau diese Art von Windows-Humor, bei der man nicht weiß, ob man lachen oder direkt einen Kaffee intravenös vorbereiten soll.
Es sah aus wie eine Neuinstallation, war aber keine
Das Wichtige ist:
Ich habe Windows nicht neu installiert.
Ich hatte keine Neuinstallation gestartet.
Ich hatte nicht gesagt:
„Komm, wir machen mal sauber.“
Windows sah einfach von selbst so aus.
Frisch.
Leer.
Fremd.
Als hätte jemand mein altes System genommen, es in einen Schrank gesperrt und mir stattdessen eine blanke Windows-Version auf den Schreibtisch gestellt.
Nicht komplett tot.
Nicht offensichtlich zerstört.
Aber eben auch nicht mehr meins.
Dieses vertraute Gefühl war weg.
Die gewohnte Umgebung war weg.
Und ich saß davor wie jemand, der morgens in seine Wohnung kommt und plötzlich stehen da Möbel aus einem Einrichtungshaus, das er nie besucht hat.
So ungefähr:
„Schön hier. Aber wo ist mein Chaos?“
Denn ja, mein Windows war vielleicht nicht perfekt.
Vielleicht war es über die Jahre ein bisschen zugemüllt.
Vielleicht hatte es hier und da digitale Staubmäuse unter dem Sofa.
Aber es war mein Windows.
Und plötzlich tat es so, als hätten wir uns nie kennengelernt.
Rücksprache mit Windows-kundigen Kumpels
Natürlich macht man in so einem Moment erstmal das Vernünftige.
Man starrt den Bildschirm an.
Dann starrt man nochmal.
Dann sagt man vermutlich irgendwas sehr Technisches wie:
„Hä?“
Und danach fragt man Leute, die sich mit Windows besser auskennen.
Also Rücksprache mit Windows-kundigen Kumpels.
Ein bisschen Beratung.
Ein bisschen Diagnose.
Ein bisschen:
„Das sieht aus wie ein kaputtes Profil.“
Ein bisschen:
„Vielleicht hat Windows dich in ein temporäres Profil geworfen.“
Ein bisschen:
„Guck mal, ob deine Daten noch irgendwo liegen.“
Ein bisschen:
„Bitte sag mir, dass du nicht einfach alles löscht.“
Und ich natürlich innerlich:
„Ich bin Linux-Nutzer. Ich lösche nichts. Ich verschiebe höchstens Dinge mit gefährlichem Halbwissen.“
Also wurde geschaut.
Gerettet.
Eingerichtet.
Geprüft.
Gesucht.
So gut es eben ging.
Nicht im Sinne von „frische Neuinstallation, alles platt“.
Sondern eher:
„Wir versuchen herauszufinden, was Windows heute für ein Theaterstück aufführt.“
Windows als schlechter Schauspieler
Und genau so fühlte es sich an.
Wie ein Theaterstück.
Morgens stand Windows auf der Bühne und spielte:
„Ich bin eine frische Installation.“
Mit ernster Miene.
Komplett überzeugt.
So richtig Oscar-reif.
Und ich saß im Publikum und dachte:
„Du lügst doch. Ich sehe dir an, dass du mein altes Windows bist.“
Aber Windows blieb in der Rolle.
Keine Erinnerung.
Keine Vertrautheit.
Alles wirkte neu, fremd, leer.
Man kennt ja diese Momente, wenn Technik nicht einfach kaputt ist, sondern auf eine Art kaputt, die persönlich wirkt.
Als hätte das System nicht nur einen Fehler.
Sondern eine Haltung.
Windows sagte nicht:
„Es gab ein Problem.“
Windows sagte:
„Ich kenne dich nicht.“
Und das ist schon frech.
Nach drei Jahren gemeinsamer Leidensgeschichte.
Nach all den Updates.
Nach all den Reboots.
Nach all den Momenten, in denen ich geduldig gewartet habe, während Windows beim Herunterfahren noch „kurz“ irgendwas konfigurieren musste.
Und dann morgens so tun, als wäre ich ein Fremder?
Unverschämt.
Ich wollte doch nur FF14 spielen
Das Schönste daran ist ja:
Der Auslöser war nicht mal wild.
Ich wollte nicht das System umbauen.
Ich wollte nicht Windows überreden, plötzlich ein produktiver Teil meines Linux-Multiboot-Lebens zu werden.
Ich wollte einfach irgendwann Final Fantasy XIV spielen.
FF14.
Ein MMO.
Ein Spiel, das sowieso schon aus Launcher, Patches, Updates, kleinen Writes, Hintergrunddiensten und „bitte warte kurz, wir prüfen etwas“ besteht.
Nicht gefährlich.
Aber perfekt, um ein angeschlagenes System sanft umzustoßen.
Nicht der Schlag.
Der letzte Tropfen.
Vielleicht saß Windows da morgens einfach innerlich schon mit leerem Blick am Küchentisch.
Defender scannt.
Windows Update denkt nach.
Irgendein Dienst möchte wichtig sein.
Ein Launcher atmet im Hintergrund.
Und Windows flüstert:
„Ich kann nicht mehr. Ich werde jetzt nackt.“
Und dann macht es das einfach.
Ohne Vorwarnung.
Ohne Erklärung.
Ohne wenigstens einen kleinen Zettel auf dem Desktop:
„Sorry, heute Identitätskrise.“
Tagsüber: Schadensbegrenzung statt Exorzismus
Der Tag bestand dann nicht aus elegantem Troubleshooting.
Es war eher technische Schadensbegrenzung mit Kaffeegeruch.
Man versucht herauszufinden:
Was ist noch da?
Was fehlt?
Bin ich im richtigen Profil?
Sind die Daten noch irgendwo?
Warum sieht das alles aus wie frisch geboren?
Und warum macht Windows dabei so ein unschuldiges Gesicht?
Das sind diese Momente, in denen man sehr schnell merkt:
Man könnte jetzt tief eintauchen.
Logs.
Profile.
Registry.
Systemwiederherstellung.
Benutzerordner.
Event Viewer.
Forenbeiträge aus dem Jahr 2016, in denen jemand namens „HansPeter84“ schreibt:
„Hatte das gleiche Problem, hab dann Windows neu installiert.“
Danke, HansPeter.
Sehr hilfreich.
Aber manchmal will man nicht in die Windows-Unterwelt hinabsteigen.
Man will einfach nur, dass das System wieder halbwegs so aussieht, wie es gestern noch aussah.
Also macht man das, was möglich ist.
Rücksprache.
Prüfen.
Einrichten.
Retten.
Reboot.
Nochmal reboot.
Nochmal nachsehen.
Wieder einrichten.
Wieder wundern.
Und dabei die ganze Zeit dieses Gefühl:
„Ich repariere gerade etwas, das so tut, als wäre es nie kaputt gewesen.“
Und dann war abends plötzlich alles wieder da
Und jetzt kommt der eigentliche Windows-Moment.
Der Teil, der diese Geschichte so bescheuert macht.
Denn abends war das alte Windows plötzlich wieder da.
Einfach so.
Nicht nach einer sauberen Neuinstallation.
Nicht nach einem klaren „Problem gelöst“-Moment.
Nicht nach einer heldenhaften Reparatur, bei der am Ende Musik spielt und jemand dramatisch sagt:
„Wir haben es geschafft.“
Nein.
Es war einfach wieder da.
Das alte bekannte Windows.
Als hätte es sich morgens nur kurz verkleidet.
Als hätte es tagsüber einen Ausflug gemacht.
Als hätte es vergessen, dass es eigentlich mein System ist, und sich später wieder daran erinnert.
Und ich saß davor und dachte:
„Ach. Da bist du ja wieder.“
Windows:
„Was meinst du? Ich war doch die ganze Zeit hier.“
Und genau da wird es unheimlich.
Denn wenn ein System kaputt ist, kann man damit umgehen.
Wenn ein System Fehler wirft, kann man suchen.
Wenn ein System nicht bootet, kann man fluchen.
Aber wenn ein System morgens so tut, als wäre es frisch installiert, und abends einfach wieder dein altes System ist, dann ist das kein Fehler mehr.
Das ist Gaslighting mit Taskleiste.
Windows tut so, als wäre nichts gewesen
Das ist vielleicht das Windowsigste an der ganzen Sache.
Nicht der Fehler selbst.
Sondern dieses unschuldige Danach.
Abends sitzt Windows wieder da.
Bekannt.
Vertraut.
Als wäre nichts passiert.
Als hätte es nicht morgens die komplette „Ich bin neu hier“-Nummer abgezogen.
Als hätte ich mir das alles nur eingebildet.
Und du sitzt davor wie jemand, der gerade einen Streit mit seinem Kühlschrank hatte und der Kühlschrank danach wieder normal brummt.
„War was?“
Ja.
Es war was.
Du warst heute Morgen nackt.
Du kanntest mich nicht mehr.
Du hast so getan, als wäre ich nur ein Gast auf meinem eigenen Rechner.
Und jetzt kommst du hier an mit:
„Alles normal.“
Nein, Windows.
So läuft das nicht.
Wir reden darüber.
Zumindest auf Gedankenbrei.
Die eigentliche Windows-Logik
Ich glaube, genau das ist diese seltsame Windows-Logik.
Windows kann jahrelang Chaos aushalten.
Drei Jahre Programme, Updates, Treiber, Launcher, Dienste, Autostarts, Gaming, halbe Deinstallationen und Softwareleichen?
Kein Problem.
Aber sobald man denkt:
„Ach, läuft eigentlich ganz okay.“
wird es gefährlich.
Windows spürt Entspannung.
Und Entspannung ist offenbar nicht vorgesehen.
Das System hat kein Problem mit Chaos.
Es hat ein Problem mit Frieden.
Solange alles ein bisschen brennt, funktioniert es.
Sobald Ruhe einkehrt, beginnt es nachzudenken.
Und das ist der wahre Horror.
Mein Fazit
Ich habe an diesem Morgen Windows 10 gestartet und Windows 10 kannte mich nicht mehr.
Nicht wirklich.
Es sah aus wie frisch installiert.
Nackt.
Fremd.
Unverschämt sauber.
Nach drei Jahren gemeinsamer PC-Geschichte stand es plötzlich da und tat so, als wäre ich irgendein neuer Benutzer, der gerade zufällig vorbeischaut.
Nach Rücksprache mit Windows-kundigen Kumpels wurde beraten, gesucht, geprüft, eingerichtet und so gut es ging Schadensbegrenzung betrieben.
Und dann, irgendwann am Abend, war das alte Windows plötzlich wieder da.
Einfach so.
Ohne große Erklärung.
Ohne Entschuldigung.
Ohne Blumen.
Es kam zurück, setzte sich an seinen Platz und tat so, als wäre nie etwas gewesen.
Und genau deshalb bleibt diese Geschichte hängen.
Nicht weil Windows komplett explodiert ist.
Nicht weil ich es neu installieren musste.
Sondern weil es morgens eine Identitätskrise hatte und abends wieder behauptete, alles sei normal.
Und jedes Mal, wenn jemand sagt:
„Windows ist doch stabil.“
werde ich innerlich nicken und denken:
„Ja. Bis es entspannt.“
Mittlerweile weiß ich vermutlich, was damals passiert ist
Sehr wahrscheinlich hatte Windows nicht wirklich alles vergessen, sondern mein normales Benutzerprofil beim Start einfach nicht sauber geladen.
Stattdessen hat es mich vermutlich in ein temporäres Profil geworfen.
Also quasi:
„Kiru ist gerade nicht auffindbar. Wir bauen schnell einen Ersatz-Kiru.“
Das würde ziemlich gut erklären, warum morgens alles so nackt, leer und frisch installiert aussah — und warum abends plötzlich das alte bekannte Windows wieder da war.
Heute würde ich wahrscheinlich schneller prüfen, ob mein echter Benutzerordner noch da ist, ob Windows ein temporäres Profil geladen hat und was die Ereignisanzeige dazu sagt.
Damals war ich in dem Thema aber einfach noch nicht so drin.
Für mich sah es eher aus wie:
„Bruder, wir kennen uns seit drei Jahren. Warum tust du so?“
Und ganz ehrlich: Auch wenn es technisch vermutlich „nur“ ein temporäres Profil war — emotional bleibt es trotzdem Windows-Gaslighting mit Taskleiste.