
Eigentlich wollte ich RegataOS einem zweiwöchigen Test unterziehen.
So richtig.
Nicht nur kurz ISO booten, Screenshot machen, drei Menüs anklicken und dann so tun, als hätte ich eine Distribution verstanden.
Nein.
Zwei Wochen Alltag.
Zwei Wochen schauen, ob da mehr ist als ein hübsches Startmenü und ein mutiger Projektname.
Zwei Wochen RegataOS.
Weil ich solche Nischen-Distros grundsätzlich sehr mag.
Nicht, weil sie immer perfekt sind.
Sind sie selten.
Manchmal sind sie eher kleine Linux-Häuser mit schiefem Dach, gemütlichem Licht im Fenster und einem Keller, in dem irgendein Treiber leise atmet.
Aber sie trauen sich oft etwas.
Und das mag ich.
RegataOS gehört genau in diese Kategorie.
Eine brasilianische Linux-Distribution auf openSUSE-Basis, mit eigener Systemidee, eigenem App Store, eigenem Gamecenter und dem Versuch, openSUSE Leap und Tumbleweed irgendwie miteinander zu verheiraten, ohne dass beim Familientreffen jemand mit einem Stuhl wirft.
Und ganz ehrlich:
Das hebt sich angenehm von der Masse ab.
Nicht noch ein Ubuntu mit anderem Wallpaper.
Nicht noch ein „wir haben GNOME leicht anders eingefärbt und nennen das jetzt Revolution“.
RegataOS versucht, etwas Eigenes zu sein.
Und damit hatte es mich erstmal.
Eine Distro mit eigener Handschrift
RegataOS wirkt auf dem Papier wie eine dieser Distributionen, bei denen jemand wirklich eine Idee hatte.
Nicht nur:
„Wir nehmen Basis X und packen Theme Y drauf.“
Sondern eher:
„Wie könnte ein Linux-System aussehen, das für normale Nutzer, Gamer und Creator etwas runder wirkt?“
Der eigene Regata OS Store soll Apps zugänglicher machen.
Game Access soll Windows-Spiele und Launcher einfacher erreichbar machen.
Gaming-Funktionen wie GameMode und FSR sollen das Ganze in Richtung Spieler schieben.
Dazu KDE Plasma, eine openSUSE-Basis und dieser hybride Ansatz aus stabilerem Fundament und neueren Komponenten.
Das klingt spannend.
Gerade für jemanden wie mich, der ständig irgendwo zwischen „Ich will ein ruhiges System“ und „Oh, glänzende neue Desktop-Technik!“ pendelt wie ein Pinguin mit Entscheidungsschwäche.
RegataOS sagt im Grunde:
Hier ist openSUSE.
Aber mit mehr Komfort.
Mehr Gaming.
Mehr eigener Oberfläche.
Mehr „wir nehmen dich ein bisschen an die Hand“.
Und ja.
Das ist sympathisch.
Ich mag sowas.
Ich mag Distributionen, die eine Richtung haben.
Auch wenn sie stolpern.
Vielleicht sogar gerade dann, weil man merkt, dass da nicht nur ein generischer ISO-Baukasten ausgespuckt wurde.
Installation: erstaunlich schmerzlos
Die Installation war erstmal komplett unspektakulär.
Und das meine ich positiv.
ISO gebootet.
Installiert.
Erster Start.
Alles flott.
Alles rund.
Kein Drama.
Kein Installer, der mitten im Vorgang aussieht, als hätte er seine eigene Existenz bereut.
Kein Partitionsdialog, bei dem man kurz denkt:
„Will ich wirklich Linux nutzen oder doch lieber wieder Brieftauben?“
RegataOS startete sauber.
KDE war da.
Das System wirkte angenehm fertig.
Nicht wie eine lose Sammlung aus Einzelteilen, sondern wie etwas, das tatsächlich für Endnutzer gedacht ist.
Das ist bei Nischen-Distros nicht selbstverständlich.
Manchmal bootet man sowas und merkt nach fünf Minuten:
Ah.
Das ist kein Betriebssystem.
Das ist ein Wochenendprojekt mit Login-Screen.
RegataOS fühlte sich erstmal nicht so an.
Es fühlte sich nach einem echten System an.
Nach einer Distro mit Ambition.
Nach etwas, das vielleicht wirklich für mehr taugt als einen kurzen VM-Besuch und ein höfliches „interessant“.
Dann kam die Update-Meldung.
Updates verfügbar. Natürlich klickt man da drauf.
Ein paar Sekunden nach dem ersten Start erschien eine kleine, unauffällige Meldung:
Updates verfügbar.
Und wer mich kennt, weiß:
Bei Updates kann ich nur schwer Nein sagen.
Das ist keine Stärke.
Das ist eher ein Reflex.
Andere Menschen sehen eine Update-Meldung und denken:
„Mache ich später.“
Ich sehe eine Update-Meldung und mein innerer Paketmanager steht schon mit Warnweste an der Kreuzung.
Also klickte ich drauf.
Das erste Update lief durch.
Kein Reboot nötig.
Alles gut.
Alles harmlos.
Alles so, wie es bei Linux meistens kurz vor dem Moment aussieht, in dem sich ein Treiber im Keller eine Maske aufsetzt.
Ich dachte:
Okay, dann schaue ich mir erstmal das System etwas genauer an.
Dann ploppte das zweite Update auf.
Und natürlich wurde auch das angeklickt.
Weil ich offenbar aus vergangenen Erfahrungen nur gelernt habe, wie man sie später lustiger erzählt.
Danach wurde ich aber etwas misstrauisch und dachte:
„Komm, mach lieber mal einen Neustart.“
Schwerer Fehler.
Die mache ich bekanntlich gerne.
Willkommen im TTY
Nach dem Reboot landete ich nicht gemütlich auf dem Desktop.
Ich landete im TTY.
Und das ist einer dieser Momente, in denen Linux sehr schnell von „spannendes Betriebssystem“ zu „du bist jetzt selbst verantwortlich, viel Spaß im Maschinenraum“ wechselt.
RegataOS hatte sich nach dem Update den NVIDIA-Stack ein wenig kunstvoll verknotet.
Nicht komplett zerstört.
Nicht dramatisch explodiert.
Eher so:
Der neue Kernel war da.
Aber die passenden NVIDIA-Kernelmodule und Userspace-Pakete waren nicht sauber zusammengeführt.
Erst fehlte das NVIDIA-Modul.
Dann passten Kernelmodul und NVML-Bibliothek nicht zusammen.
Zusätzlich stolperte dracut über eine fehlerhafte NVIDIA-Konfiguration.
Also: klassische Treiber-Kobold-Kellerführung.
Mit Kerze.
Ohne Geländer.
Und irgendwo tropft Wasser auf eine alte Version von libnvidia.
Das ist genau die Art Fehler, bei der ein Einsteiger vermutlich denkt:
„Okay, Linux war ein Fehler.“
Und ganz ehrlich:
Ich könnte es ihm nicht mal übelnehmen.
Für mich ein Bosskampf, für Einsteiger ein Abspann
Ich konnte das reparieren.
Mit Handarbeit.
Mit passender Kernel-Devel-Version.
Mit NVIDIA-KMP.
Mit Userspace-Paketen auf derselben Version.
Mit korrigierter dracut-Konfiguration.
Mit manuellem Laden des Treibers.
Mit genug Sturheit, um nicht sofort das ISO symbolisch aus dem Fenster zu werfen.
Am Ende war der Desktop wieder da.
nvidia-smi zeigte wieder meine RTX 4070.
KDE tat wieder so, als wäre nie etwas gewesen.
Linux kann das sehr gut.
Erst zieht es dir den Teppich weg, dann steht es daneben mit unschuldigem Gesicht und fragt:
„War was?“
Für mich war das ein kleiner Bosskampf zwischendurch.
Nervig.
Aber auch spannend.
Ich habe dabei wieder echte Schichten angefasst, die man im normalen Desktop-Alltag lieber nie sehen möchte:
Kernel-Versionen.
Kernel-Devel-Pakete.
NVIDIA-KMP.
Userspace-Bibliotheken.
NVML.
dracut.
modprobe.
zypper-Konfliktlösung.
Das ist für mich interessant.
Weil ich Linux inzwischen nicht nur benutze, sondern gerne darunter buddle wie ein Desktop-Archäologe mit zu viel Kaffee.
Aber für einen Einsteiger?
Nein.
Da wäre der Test vermutlich vorbei gewesen.
Und zwar nicht mit „spannend, ich habe etwas gelernt“.
Sondern mit:
„Warum bin ich nach einem Update in einer schwarzen Textkonsole und warum sieht das aus, als müsste ich gleich einen Zauberspruch tippen?“
Zypper: nervig, aber mit Warnweste
An dieser Stelle muss ich fair sein.
So sehr ich zypper manchmal anstrengend finde:
In diesem Fall war ich froh, dass zypper da war.
Zypper redet gerne.
Sehr gerne.
Manchmal wirkt es wie ein Paketmanager, der bei jeder Entscheidung erst ein Protokoll anlegt, drei Lösungsvorschläge auf den Tisch legt und dann mit ernster Stimme fragt:
„Sind Sie sich der Konsequenzen bewusst?“
Das kann nerven.
Gerade wenn man eigentlich nur schnell etwas installieren will und zypper plötzlich eine kleine Gemeinderatssitzung über Abhängigkeiten eröffnet.
Aber hier war genau das hilfreich.
Zypper zeigte mir sehr genau, welche Pakete kollidierten.
Welche Lösungen möglich waren.
Und wann ich kurz davor war, mir das halbe System aus Versehen wegzuoperieren.
Das war nervig.
Aber hilfreich nervig.
So eine Art Paketmanager mit Klemmbrett und Warnweste.
Nicht charmant.
Aber zuverlässig in dem Moment, in dem man froh ist, dass wenigstens einer im Raum eine Liste führt.
RegataOS selbst ist nicht uninteressant
Und jetzt kommt der schwierige Teil.
Ich will RegataOS nicht einfach schlechtreden.
Weil das der Distro nicht gerecht würde.
Die Idee dahinter ist wirklich spannend.
openSUSE-Basis.
KDE Plasma.
Eigener Store.
Gaming-Fokus.
Game Access.
Komfortschicht für Nutzer, die nicht jede Kleinigkeit selbst zusammensuchen wollen.
Dazu der Versuch, neuere Komponenten und Alltagstauglichkeit zusammenzubringen.
Das ist genau die Art Linux-Projekt, die ich grundsätzlich feiern möchte.
Gerade weil es eigenständig wirkt.
RegataOS hat Charakter.
Es fühlt sich nicht nach „noch ein Derivat“ an, das nur existiert, weil jemand ein Wallpaper hatte und einen Namen frei fand.
Da steckt eine Vision drin.
Eine Distro, die sagen will:
Linux kann zugänglich sein.
Linux kann spielen.
Linux kann hübsch sein.
Linux kann vorkonfiguriert sein, ohne dass der Nutzer erstmal fünf Wikiseiten, drei Reddit-Threads und einen alten Forenbeitrag aus dem Jahr 2019 opfern muss.
Das ist sympathisch.
Das ist mutig.
Und es ist genau deshalb schade, wenn ausgerechnet das erste Update auf einem NVIDIA-System direkt im TTY endet.
NVIDIA bleibt der Endgegner mit Treiberkoffer
Natürlich muss man auch sagen:
NVIDIA unter Linux ist nicht immer der entspannteste Gast auf der Party.
AMD sitzt oft schon mit Getränk auf dem Sofa.
Intel fragt, ob noch jemand Chips möchte.
NVIDIA kommt mit eigenem Treiberkoffer, Sonnenbrille und drei Bedingungen in den Raum.
Das ist besser geworden.
Deutlich besser sogar.
Aber es bleibt ein Bereich, in dem Distributionen sehr sauber arbeiten müssen, damit Nutzer nicht plötzlich zwischen Kernelmodul, DKMS/KMP, Userspace-Bibliothek und initramfs-Konfiguration eingeklemmt werden wie ein Brötchen im Toaster.
Gerade bei einer Distro, die auch Einsteiger und Spieler ansprechen will, ist das kritisch.
Denn Spieler haben oft NVIDIA-Karten.
Und Einsteiger sollten nach einem Update nicht lernen müssen, was NVML ist.
Nicht am ersten Abend.
Nicht nach dem ersten Neustart.
Nicht mit hungrigem Magen.
Wenn ein System mit eigener NVIDIA-Variante oder NVIDIA-Fokus wirbt, dann muss genau dieser Teil sitzen.
Nicht perfekt im akademischen Sinne.
Aber zuverlässig genug, dass ein normales Update nicht zur Kellerführung wird.
Und genau da war mein erster Eindruck leider holprig.
Zwei Wochen Test oder ein Abend mit Schraubenschlüssel?
Mein ursprünglicher Plan war klar:
RegataOS zwei Wochen testen.
Schauen, wie es sich im Alltag schlägt.
Gaming ausprobieren.
Store anschauen.
Game Access testen.
KDE bewerten.
Updates beobachten.
Vielleicht vergleichen, wie es sich gegen andere Gaming-/Desktop-Distros anfühlt.
Nach dem ersten Abend war ich aber schon an einem Punkt, an dem ich dachte:
„Will ich mir das wirklich zwei Wochen antun?“
Und das ist kein gutes Zeichen.
Nicht, weil ein Fehler passiert ist.
Fehler passieren.
Gerade bei Linux.
Gerade bei NVIDIA.
Gerade bei Nischen-Distros.
Das Problem ist eher die Art des Fehlers.
Ein kaputter Shortcut?
Egal.
Ein App Store, der etwas zickt?
Nervig, aber okay.
Ein Theme, das sich verschluckt?
Geschenkt.
Aber ein Update, das mich direkt ins TTY schiebt und den NVIDIA-Stack so verknotet, dass ich Kernel-Devel, KMP, NVML, dracut und modprobe anfassen muss?
Das ist eine andere Gewichtsklasse.
Das ist kein Stolperstein.
Das ist ein kleines Loch im Gehweg mit Nebelmaschine.
Liebe RegataOS-Entwickler aus Brasilien
Liebe RegataOS-Entwickler aus Brasilien:
Eure Idee ist super.
Originell.
Mutig.
Sympathisch.
Genau die Art von eigenständigem Linux-Projekt, die ich eigentlich gerne teste.
Ich mag, dass RegataOS nicht nach Standardware aussieht.
Ich mag, dass ihr Gaming ernst nehmt.
Ich mag, dass ihr versucht, openSUSE in eine zugänglichere, spielerfreundlichere Richtung zu ziehen.
Ich mag, dass da eigene Werkzeuge und eigene Gedanken drinstecken.
Aber zumindest auf meinem NVIDIA-System wirkt es nach dem ersten Update noch nicht ganz ausgereift genug, um das Versprechen von „anfängerfreundlich“ wirklich einzulösen.
Denn wenn ein Nutzer nach dem ersten Update im TTY landet, NVIDIA von Hand reparieren muss und plötzlich dracut-Konfigurationsdateien anfässt, dann ist das vieles.
Spannend.
Lehrreich.
Sehr Linux.
Aber nicht anfängerfreundlich.
Und genau das tut ein bisschen weh.
Weil ich RegataOS mögen möchte.
Wirklich.
Aber ein System, das sich an Einsteiger, Spieler und Desktopnutzer richtet, darf beim Update nicht so tun, als wäre der Nutzer automatisch nebenberuflicher Treiber-Schamane.
Mein vorläufiges Fazit
RegataOS ist eine mutige, sympathische und angenehm eigenständige Idee.
Es hat Charakter.
Es hat Richtung.
Es hat mehr Persönlichkeit als viele Distros, die technisch vielleicht glatter sind, aber sich anfühlen wie „Standard-ISO mit anderem Hintergrundbild“.
Die Installation war angenehm.
Der erste Eindruck war flott.
Das Konzept ist spannend.
Der eigene Store und Game Access sind genau solche Dinge, die Linux für normale Nutzer greifbarer machen können.
Aber mein erster echter Update-Test war auf meiner RTX-4070-Kiste leider ein harter Bruch.
Nicht unlösbar.
Nicht hoffnungslos.
Aber zu hart für das, was RegataOS nach außen verspricht.
Für mich war es ein Bosskampf.
Für einen Einsteiger wäre es wahrscheinlich ein Ragequit gewesen.
Und damit bleibt mein Eindruck im Moment zweigeteilt:
Ich mag die Idee.
Ich respektiere den Mut.
Ich finde den Ansatz spannend.
Aber auf meinem NVIDIA-System fühlt sich RegataOS aktuell eher wie ein interessantes Bastelabenteuer an als wie ein Desktop, den ich jemandem guten Gewissens hinstellen würde, der einfach nur Linux nutzen möchte.
Vielleicht schaue ich später nochmal rein.
Vielleicht wird der NVIDIA-/Update-Stack runder.
Vielleicht ist RegataOS in einem Jahr genau die Distro, die ich heute schon gerne gesehen hätte.
Für heute bleibt:
RegataOS ist kein langweiliges Projekt.
Ganz im Gegenteil.
Es ist eines dieser Systeme, bei denen man merkt, dass jemand wirklich etwas Eigenes bauen will.
Aber manchmal reicht eine gute Idee nicht.
Manchmal muss auch der erste Neustart nach dem Update überleben.
Und auf meinem System hat genau dieser Neustart erstmal gesagt:
„Willkommen im TTY, Kiru. Wir müssen reden.“