Es gibt Sätze, die sollte ich inzwischen eigentlich nicht mehr sagen.
„Ich ändere nur kurz etwas.“
„Das dauert bestimmt keine Stunde.“
Oder besonders gefährlich:
„Ich probiere mal Hyprland aus.“
Eigentlich wollte ich nur einen schicken, modernen Linux-Desktop mit hübschen Animationen, Tiling und ein bisschen mehr Freiheit beim Aufbau meiner Oberfläche.
Hyprland installiert, gestartet und siehe da:
Fenster.
Sie bewegen sich. Sie werden gekachelt. Workspaces funktionieren. Die Animationen sehen hübsch aus.
Großartig.
Nur stellte sich ziemlich schnell die Frage:
Wo ist eigentlich der Rest meines Desktops?
Keine klassische Leiste, kein gewohntes Startmenü, keine große Einstellungszentrale und diverse andere Dinge, die bei KDE Plasma, GNOME oder Xfce einfach selbstverständlich vorhanden sind.
Und genau da habe ich erst richtig verstanden, was der Unterschied zwischen einem vollständigen Desktop Environment und einem Compositor eigentlich bedeutet.
Hyprland ist eben kein KDE Plasma
Wenn ich KDE Plasma installiere, bekomme ich praktisch ein Komplettpaket.
Panel, App-Menü, Systemeinstellungen, Benachrichtigungen, Sperrbildschirm, Energieverwaltung und jede Menge weiterer Kleinkram gehören bereits dazu oder sind so integriert, dass ich mir darüber normalerweise überhaupt keine Gedanken machen muss.
Ich installiere Plasma und bekomme eine eingerichtete Wohnung.
Hyprland ist eher:
Hier sind die Wände. Strom liegt irgendwo. Viel Spaß beim Innenausbau.
Denn Hyprland ist in erster Linie ein Wayland-Compositor.
Und genau das ist der Punkt, an dem viele Erwartungen kurz stolpern.
Ein Desktop Environment wie KDE Plasma bringt nicht nur die Fensterverwaltung mit, sondern auch sehr viele Dinge, die den Alltag bequem machen. Hyprland kümmert sich dagegen vor allem darum, wie Fenster auf einem Wayland-System dargestellt, bewegt und organisiert werden.
Das ist nicht schlecht.
Es ist nur etwas anderes.
Was macht Hyprland dann überhaupt?
Sehr vereinfacht kümmert sich Hyprland darum, meine Fenster darzustellen und zu verwalten.
Wo befindet sich ein Fenster? Wie groß ist es? Auf welchem Workspace liegt es? Soll es gekachelt werden oder schweben? Welcher Monitor soll es anzeigen? Was passiert bei meinen Tastenkombinationen?
Und natürlich die für mich völlig lebenswichtige Frage:
Wie hübsch kann ich ein Fenster animieren lassen, obwohl ich eigentlich nur Firefox öffnen wollte?
Darin ist Hyprland ziemlich gut.
Es bietet dynamisches Tiling, flexible Workspaces, hübsche Animationen, Fensterregeln, Monitorregeln, Keybinds und sehr viel Kontrolle darüber, wie sich der eigene Desktop anfühlt.
Nur gehört zu einem komfortablen Desktop eben noch eine ganze Menge mehr.
Hyprland ist also nicht kaputt, wenn nach der Installation nicht sofort alles da ist.
Es ist schlicht nicht dafür gedacht, jedes einzelne Desktop-Teil selbst mitzubringen.
Moment mal – die Leiste gehört gar nicht zu Hyprland?
Nein.
Das klingt zunächst banal, war für mich aber tatsächlich einer dieser kleinen Aha-Momente.
Bei Plasma denke ich nicht darüber nach, woher meine Leiste kommt.
Sie ist einfach da.
Bei Hyprland muss ich mir überlegen, welche Software diese Aufgabe überhaupt übernehmen soll.
Und dabei gibt es grundsätzlich zwei Wege.
Ich kann eine relativ fertige Shell benutzen oder meinen Desktop Stück für Stück aus einzelnen Programmen zusammensetzen.
Beides funktioniert.
Beides hat Vorteile.
Und beides kann dazu führen, dass man plötzlich um 02:17 Uhr über die optimale Höhe eines Panels nachdenkt.
Ein vollkommen gesunder Lebensstil also.
Möglichkeit eins: Eine fertige Shell wie Noctalia
Eine Shell wie Noctalia nimmt mir schon ziemlich viel Arbeit ab.
Sie kann beispielsweise Panel, Systemanzeigen, Widgets, Menüs, Lautstärkesteuerung, Kalender und weitere Funktionen unter einer gemeinsamen Oberfläche zusammenfassen.
Das hat einen großen Vorteil:
Die verschiedenen Teile wirken wie aus einem Guss.
Ich muss nicht für jedes kleine Element ein eigenes Programm suchen, konfigurieren und anschließend hoffen, dass fünf unterschiedliche Entwickler zufällig dieselbe Vorstellung davon hatten, wie ein Desktop aussehen sollte.
Eine fertige Shell gibt dem ganzen Baukasten mehr Richtung.
Das ist die vernünftige Variante.
Natürlich habe ich trotzdem irgendwann angefangen darüber nachzudenken, was ich daran noch verändern könnte.
Ich wäre schließlich nicht ich, wenn aus einer funktionierenden Lösung nicht irgendwann wieder ein eigenes Projekt entstehen würde.
Möglichkeit zwei: Ich baue einfach alles selbst zusammen
Genau das ist aber gleichzeitig das Schöne an Hyprland.
Ich muss keine fertige Shell benutzen.
Ich kann auch den großen Linux-Baukasten öffnen.
- Ein Panel von Projekt A.
- Einen Launcher von Projekt B.
- Benachrichtigungen von Projekt C.
- Wallpaper über Programm D.
- Lockscreen E.
- Clipboard-Manager F.
Und irgendwann habe ich so viele unterschiedliche Programme miteinander verheiratet, dass ich weniger Linux-Anwender und mehr Standesbeamter für Open-Source-Projekte bin.
Der Vorteil ist natürlich enorm:
Ich kann nahezu alles selbst bestimmen.
Ich möchte eine winzige Leiste?
Kein Problem.
Einen anderen Launcher?
Austauschen.
Keine Leiste, sondern fast alles nur über Tastenkürzel?
Geht ebenfalls.
Eine völlig unnötig komplizierte Sonderlösung, weil mir drei Pixel Abstand nicht gefallen?
Leider auch möglich.
Irgendwie müssen Programme ja auch starten
Ein weiterer Bestandteil ist der Launcher.
Bei Plasma drücke ich eine Taste, das Anwendungsmenü erscheint und ich starte Firefox.
Bei einem selbst zusammengestellten Hyprland-System muss ich erst entscheiden, welcher Launcher diese Aufgabe übernehmen soll.
Ohne einen sitzt man sonst irgendwann vor seinem wunderschönen Desktop mit Blur, Animationen und transparenten Fenstern und stellt fest:
Sieht geil aus. Aber wie starte ich jetzt eigentlich GIMP?
Technisch betrachtet ist das kein hundertprozentiger Fortschritt.
Launcher wie Rofi, Wofi, Fuzzel oder andere Lösungen übernehmen genau diese Aufgabe. Sie zeigen Anwendungen an, starten Programme, durchsuchen Menüs oder führen Kommandos aus.
Das ist alles lösbar.
Man muss nur eben wissen, dass man es lösen muss.
Und Hyprland sagt einem nicht automatisch:
„Übrigens, du brauchst noch eine Haustür.“
Auch Benachrichtigungen wachsen nicht auf Bäumen
Dasselbe gilt für Benachrichtigungen.
Eine Anwendung kann zwar melden:
„Hallo, ich habe hier etwas Neues!“
Aber irgendeine Komponente muss diese Meldung anschließend auch auf dem Bildschirm darstellen.
Bei einem vollständigen Desktop ist das längst geregelt.
Bei einem selbst zusammengestellten Setup muss ich mich darum ebenfalls kümmern.
Wenn ich das vergesse, kann mein Mailprogramm vermutlich den ganzen Tag begeistert neue Nachrichten melden.
Nur bekomme ich davon nichts mit.
Immerhin ist es dann schön ruhig.
Auch das ist wieder typisch für modulare Desktops:
Die Freiheit ist groß.
Die Verantwortung leider auch.
Selbst der Sperrbildschirm ist nicht selbstverständlich
Bildschirm sperren klingt ebenfalls nach einer Funktion, die einfach zum Desktop gehört.
Bei einem modularen Setup können aber auch automatische Sperre, Inaktivitätserkennung und Energiesparen wieder von unterschiedlichen Komponenten übernommen werden.
Ein Tool sperrt den Bildschirm.
Ein anderes erkennt Inaktivität.
Ein drittes kümmert sich um Energiesparen oder Display-Abschaltung.
Und wenn irgendetwas davon fehlt, verhält sich der Desktop plötzlich anders, als man es von KDE oder GNOME gewohnt ist.
Spätestens an diesem Punkt wurde mir klar:
Ein fertiger Desktop macht im Hintergrund verdammt viel Zeug, über das ich vorher überhaupt nicht nachgedacht habe.
Und dann kommt der unsichtbare Kram
Besonders unterhaltsam sind die Komponenten, deren Namen ich meistens erst lerne, wenn sie fehlen.
Zum Beispiel ein Polkit-Agent.
Sehr vereinfacht sorgt der dafür, dass grafische Programme nach Administratorrechten fragen können.
Fehlt so ein Agent, kann es passieren, dass ich auf irgendeine Funktion klicke, für die höhere Rechte benötigt werden.
Und dann passiert:
Nichts.
Natürlich ist mein erster Gedanke:
Die Anwendung ist kaputt.
Nein, Kiru.
Du hast nur wieder einen Teil deines Desktops vergessen.
Ähnlich interessant sind XDG Desktop Portals.
Sie spielen unter Wayland unter anderem bei Dingen wie Bildschirmfreigabe, Screenshots, Datei-Auswahldialogen und verschiedenen Interaktionen zwischen Anwendungen und Desktop eine Rolle.
Solange sie funktionieren, interessiert mich nicht einmal, dass sie existieren.
Wenn etwas nicht funktioniert, weiß ich spätestens ein paar Stunden später sehr genau, wie sie heißen und welche GitHub-Issues dazu existieren.
Meistens irgendwann kurz vor Mitternacht.
Warum mache ich mir diese Arbeit freiwillig?
Weil genau das gleichzeitig der größte Reiz daran ist.
Bei KDE Plasma bekomme ich einen fertigen Desktop.
Bei Hyprland kann ich entscheiden, was mein Desktop überhaupt sein soll.
Welche Leiste möchte ich?
Welchen Launcher?
Wie sollen Benachrichtigungen aussehen?
Welche Tastenkürzel brauche ich?
Welche Komponenten sollen automatisch starten?
Und was brauche ich überhaupt nicht?
Ich kann eine fertige Shell wie Noctalia nehmen und damit relativ schnell ein rundes Desktop-Erlebnis bekommen.
Oder ich nehme einzelne Komponenten und baue mir daraus meinen persönlichen Frankenstein-Desktop.
Beides ist vollkommen legitim.
Und gerade diese Freiheit gefällt mir an Hyprland.
Hyprland ist nicht der fertige Desktop. Hyprland ist die Einladung, einen zu bauen.
Und plötzlich baue ich Hybruntalia
Das erklärt vermutlich auch ganz gut, warum bei mir aus „Ich spiele ein bisschen mit Hyprland herum“ irgendwann Hybruntalia entstanden ist.
Denn ich möchte am Ende eben nicht einfach nur Hyprland installieren.
Ich möchte daraus ein vollständiges Desktop-Erlebnis machen.
Ubuntu liefert mir dabei die Basis.
Hyprland übernimmt den Compositor.
Noctalia kümmert sich um einen großen Teil der sichtbaren Oberfläche.
hyprmod soll die Konfiguration komfortabler machen.
Und aus diesen einzelnen Bausteinen soll am Ende etwas entstehen, das sich eben nicht mehr wie ein zusammengewürfelter Baukasten anfühlt.
Eigentlich wollte ich nur einen hübschen Desktop.
Jetzt baue ich einen.
Lief also wieder hervorragend.
Fazit: Linux-Lego für Erwachsene
Hyprland ist nicht unvollständig, nur weil nach der Installation viele Dinge fehlen.
Es verfolgt einfach einen anderen Ansatz.
KDE Plasma gibt mir das fertige Lego-Schloss inklusive Anleitung.
Hyprland kippt mir die Steine auf den Tisch und sagt:
Mach was draus.
Ich kann eine fertige Shell nehmen und damit ziemlich schnell zu einem komfortablen Desktop kommen oder mir jedes einzelne Teil selbst aussuchen.
Dabei lerne ich zwangsläufig eine Menge darüber, wie ein Linux-Desktop eigentlich funktioniert.
Und irgendwann funktioniert tatsächlich alles, sieht genau so aus, wie ich es haben möchte, und ich sitze zufrieden vor meinem selbstgebauten Desktop.
Bis ich irgendwo noch eine Kleinigkeit entdecke, die ich „nur mal eben“ ändern möchte.
Und weil es bei mir irgendwie immer so läuft, benutze ich mittlerweile tatsächlich lieber ein fertiges Desktop Environment wie KDE Plasma. Einfach damit ich nachts um halb drei nicht wieder auf die glorreiche Idee komme, „nur mal kurz“ irgendetwas ändern zu wollen.
Manchmal mache selbst ich beim Erwachsenwerden Fortschritte.
Auch wenn dieser Fortschritt nur verdammt langsam vorangeht.