Ich habe bei Epic gerade mal wieder in meine Bibliothek geschaut.
354 Spiele.
Nicht eins davon bezahlt.
Das ist auf eine sehr moderne Art beeindruckend. Früher hätte man für 354 Spiele wahrscheinlich ein eigenes Regal gebraucht, ein paar Umzugskartons, viel Taschengeld, Geduld, Flohmärkte, Zeitschriften-CDs und vielleicht einen leicht fragwürdigen Ordner mit Aufschrift „Spiele 2004“.
Heute reicht ein Account.
Einloggen, anklicken, besitzen.
Oder besser gesagt: so tun, als würde man besitzen.
Denn das ist ja der kleine Haken an der ganzen Sache. Bei Steam, Epic, Microsoft Store, PlayStation und wie sie alle heißen, gehört einem das Zeug eigentlich nicht wirklich. Man kauft meistens kein Spiel im klassischen Sinne. Man kauft eine Lizenz. Einen Zugriff. Einen Eintrag in einer digitalen Bibliothek, der so lange freundlich leuchtet, wie Account, Plattform, Server, Lizenzvereinbarung und Geschäftsmodell mitspielen.
Das klingt erstmal mies.
Ist es irgendwie auch.
Aber gleichzeitig merke ich, dass mich dieser Gedanke gar nicht so hart trifft, wie er vielleicht sollte.
Und das wiederum finde ich fast spannender.
Früher lag Besitz im Regal
Früher war Besitz ziemlich einfach zu verstehen.
Da lag eine CD.
Da lag eine DVD.
Da lag eine Hülle mit Handbuch.
Da war vielleicht ein Key-Aufkleber drin, den man besser nicht verlieren sollte.
Wenn man ein Spiel hatte, dann hatte man es. Natürlich gab es auch damals Kopierschutz, kaputte CDs, zerkratzte Datenträger und Installationsrituale aus der Hölle. Aber es war greifbar.
Man konnte das Spiel aus dem Regal nehmen.
Man konnte es verleihen.
Man konnte es verkaufen.
Man konnte es in einen Umzugskarton werfen und später beim Auspacken denken: „Ach stimmt, das habe ich ja auch noch.“
Heute ist das anders.
Heute steht da „Bibliothek“.
Da steht „gekauft“.
Da steht „dein Spiel“.
Aber eigentlich steht da zwischen den Zeilen:
Du darfst es nutzen.
Solange wir dich lassen.
Das ist kein Besitz mehr. Das ist betreuter Zugriff mit hübscher Oberfläche.
Bequemlichkeit war die Hintertür
Und trotzdem wäre es zu einfach, jetzt nur auf die großen Plattformen zu zeigen und zu sagen: Die sind schuld.
Natürlich haben Steam, Epic, Microsoft, Sony, Netflix, Spotify und all die anderen ihre Macht nicht aus Versehen bekommen. Natürlich ist es problematisch, wenn immer mehr Kultur, Software, Spiele, Musik und Filme an Accounts, Server und Konzernentscheidungen gebunden sind.
Aber wir müssen auch ehrlich sein:
Wir haben die Tür aufgemacht.
Nicht aus Dummheit.
Nicht, weil wir alle böse Großkonzerne lieben.
Sondern weil es bequem war.
Kein Regal.
Keine CD suchen.
Kein Patch von irgendeiner Webseite laden.
Kein „Bitte legen Sie DVD 2 ein“.
Keine Seriennummer, die man dreimal falsch abtippt.
Kein Handbuch mit Fettflecken vom Schreibtisch.
Ein Klick.
Installieren.
Spielen.
Fertig.
Das ist verdammt angenehm. Und genau das war die Hintertür.
Bequemlichkeit ist selten laut. Sie klingelt nicht dramatisch an der Haustür und sagt: „Hallo, ich nehme dir jetzt langsam Kontrolle weg.“
Sie kommt eher rein wie ein Lieferdienst.
Freundlich. Praktisch. Pünktlich.
Und irgendwann sitzt sie auf dem Sofa und hat den Zweitschlüssel.
Sammeln ist menschlich
Dabei will ich Sammeln gar nicht schlechtreden.
Menschen sammeln.
Das steckt wahrscheinlich ziemlich tief in uns drin. Früher waren es Werkzeuge, Vorräte, wichtige Dinge zum Überleben. Heute sind es Bücher, Spiele, Figuren, Musik, Filme, alte Konsolen, Domains, Linux-ISOs und digitale Bibliotheken, die größer sind als unsere Freizeit.
Sammeln ist nicht automatisch Konsumirrsinn.
Manche Dinge sind Erinnerungen. Manche Dinge sind kleine Anker. Manche Dinge erzählen, wer man war, wer man sein wollte oder welche Phase man gerade durchlebt hat.
Ein Regal voller Spiele kann auch ein Regal voller Lebensabschnitte sein.
Das alte Rollenspiel, das man als Jugendlicher gespielt hat.
Die DVD-Box, die man sich vom ersten richtigen Geld gekauft hat.
Die Special Edition, die objektiv völlig unnötig war, aber emotional eben nicht.
Ich verstehe das.
Ich bin selbst nicht frei davon. Ich besitze Domains, alte Projektideen, digitale Spielstände, halbe Linux-Erfahrungen und wahrscheinlich mehr gedankliche Baustellen als sinnvoll wäre.
Aber trotzdem gibt es da diese andere Seite.
Besitz kann auch schwer werden.
Dinge haben Gewicht
Vielleicht kommt meine leichte Sympathie für weniger Besitz auch daher, dass ich als Jugendlicher ungefähr ein Jahr lang als Möbelpacker gearbeitet habe.
Da lernt man ziemlich schnell, dass Besitz nicht nur Besitz ist.
Besitz hat Gewicht.
Besitz braucht Platz.
Besitz muss getragen werden.
Besitz kostet Zeit, Kraft, Nerven und manchmal Rücken.
Natürlich meine ich damit nicht, dass man nichts besitzen darf oder dass jeder plötzlich in einer fast leeren Wohnung mit einem Holzstuhl, einer Tasse und einem sehr zufriedenen Gesicht sitzen muss.
Aber wenn man einmal genug Schränke, Sofas und Kisten durch enge Treppenhäuser getragen hat, bekommt der Satz „zu viel Ballast“ plötzlich eine sehr konkrete Bedeutung.
Es ist ein Unterschied, ob man sagt:
„Ich habe viele Sachen.“
Oder ob man mit einem viel zu schweren Schrank im dritten Stock steht und denkt:
„Warum zur Hölle existiert dieses Möbelstück?“
Da lernt man etwas.
Nicht philosophisch. Eher körperlich.
Alles, was man besitzt, besitzt ein kleines Stück Alltag zurück.
Man muss es lagern.
Man muss es pflegen.
Man muss es umziehen.
Man muss es sortieren.
Man muss sich irgendwann entscheiden, ob es bleiben darf.
Und vielleicht ist das der Grund, warum ich weniger Besitz nicht nur als Verlust empfinde.
Manchmal ist weniger auch Entlastung.
354 Spiele und trotzdem spiele ich fünf
Zurück zu Epic.
354 Spiele.
Das klingt nach unfassbarem Reichtum. Eine riesige Bibliothek. Möglichkeiten ohne Ende. Für null Euro.
Und trotzdem ist die Wahrheit wahrscheinlich:
Ich werde davon nur einen kleinen Teil wirklich spielen.
Vielleicht installiere ich mal etwas aus Neugier. Vielleicht entdecke ich sogar eine kleine Perle. Vielleicht liegt da irgendwo ein Spiel, das mich irgendwann völlig unerwartet erwischt.
Aber 354 Spiele sind nicht automatisch 354 Erlebnisse.
Viele davon sind eher digitale „könnte man irgendwann mal“-Kisten.
So wie die Kisten auf dem Dachboden, auf denen „diverses Zeug“ steht und die man seit drei Umzügen nicht mehr geöffnet hat.
Nur leichter.
Und mit besserer Suchfunktion.
Das ist nicht schlimm. Aber es ist interessant.
Denn digitale Bibliotheken tun so, als würden sie nichts wiegen. Kein Regal, keine Kiste, kein Staub, kein Schleppen.
Aber im Kopf wiegen sie manchmal trotzdem.
Nicht schwer wie ein Sofa.
Eher schwer wie offene Tabs.
Alles könnte man noch machen.
Alles könnte man noch spielen.
Alles könnte noch wichtig werden.
Könnte.
Irgendwann.
Vielleicht.
Das Betriebssystem macht dasselbe
Und genau da merke ich, dass das nicht nur bei Spielen so ist.
Bei Betriebssystemen ist es ähnlich.
Man installiert hier noch ein Tool.
Da noch einen Launcher.
Noch einen Editor.
Noch ein Screenshot-Programm.
Noch ein Terminal.
Noch einen Dateimanager.
Noch ein Widget.
Noch ein Theme.
Noch ein kleines Ding, das man bestimmt irgendwann braucht.
Und plötzlich ist das System voll mit Möglichkeiten.
Das klingt erstmal gut.
Aber 80 Prozent davon sind oft nur nice to have.
Nicht schlecht. Nicht falsch. Nicht böse.
Nur eben nicht wirklich nötig.
Am Ende kommt man erstaunlich weit mit ziemlich wenig:
Terminal.
Browser.
Editor.
Dateimanager.
Paketmanager.
Ein paar Grundwerkzeuge.
Ein System, das nicht nervt.
Das meiste kann man im Terminal oder mit dem Grundsystem erledigen. Nicht alles komfortabel. Nicht alles hübsch. Nicht alles mit buntem Knopf und Animation.
Aber vieles.
Und manchmal fühlt sich genau das ehrlicher an.
Ein Terminal lügt einem nicht vor, dass man gerade ein riesiges Erlebnis besitzt. Es steht einfach da und wartet auf einen Befehl.
Keine Bibliothek mit 354 Möglichkeiten.
Nur ein Cursor.
Das kann erstaunlich beruhigend sein.
Weniger ist nicht automatisch besser
Natürlich ist weniger nicht automatisch besser.
Minimalismus kann auch nerven. Besonders dann, wenn er so tut, als wäre jede zusätzliche Tasse schon ein moralisches Versagen.
Man darf Dinge mögen.
Man darf sammeln.
Man darf schöne Oberflächen wollen.
Man darf 354 Spiele in der Bibliothek haben und trotzdem glücklich sein, wenn jede Woche noch eins dazukommt.
Das Leben muss nicht aussehen wie ein leergeräumter Ausstellungsraum mit einer Pflanze und einem sehr teuren Stuhl.
Aber vielleicht lohnt es sich, ab und zu zu fragen:
Brauche ich das wirklich?
Oder beruhigt es mich nur, dass es da ist?
Das ist bei Spielen so.
Das ist bei Software so.
Das ist bei Betriebssystemen so.
Und wahrscheinlich auch bei vielen Dingen, die man irgendwann in einen Umzugskarton packen müsste.
Nicht alles Zuckerwatte
Digitale Plattformen sind nicht einfach nur böse.
Ohne Steam wäre Linux-Gaming heute vermutlich nicht da, wo es ist. Ohne digitale Stores hätte ich viele Spiele nie ausprobiert. Ohne Sales, Cloud-Saves und einfache Installationen wäre vieles deutlich unbequemer.
Epic verschenkt Spiele, die man sonst vielleicht nie angefasst hätte.
Steam macht unter Linux Dinge möglich, die früher nach Wunschdenken klangen.
Bequemlichkeit hat nicht nur Schattenseiten.
Aber sie hat eben Schattenseiten.
Und die sollte man nicht mit Zuckerwatte zukleben.
Wenn mir ein Spiel nicht wirklich gehört, dann sollte man das auch so nennen dürfen.
Wenn ein Account wichtiger wird als der Datenträger, dann ist das eine Machtverschiebung.
Wenn Kultur, Software und Spiele zunehmend an Plattformen hängen, dann ist das nicht egal.
Nicht panisch. Nicht apokalyptisch.
Aber auch nicht harmlos.
Vielleicht reicht genug
Vielleicht ist das der Punkt, an dem dieser ganze Gedanke landet.
Nicht bei „früher war alles besser“.
Nicht bei „alles Digitale ist schlecht“.
Nicht bei „wer sammelt, macht etwas falsch“.
Sondern bei einem viel kleineren Satz:
Vielleicht reicht genug.
Vielleicht muss ich nicht jedes Spiel besitzen.
Vielleicht muss ich nicht jede Software installieren.
Vielleicht muss nicht jede Möglichkeit in meinem System wohnen.
Vielleicht ist es okay, Dinge nur zu nutzen, solange sie nützlich sind.
Und vielleicht ist es sogar ganz angenehm, wenn nicht alles mir gehört, nicht alles bei mir steht und nicht alles meinen Kopf vollstellt.
354 Spiele bei Epic sind irgendwie verrückt.
Null Besitz daran ist irgendwie mies.
Und trotzdem sitze ich manchmal lieber vor einem Terminal und denke:
Das hier reicht gerade.
Mehr muss es manchmal gar nicht sein.