Es gibt Dinge, die sollte man eigentlich einfach annehmen können.

Ein Glas Wasser, wenn man Durst hat.

Einen freien Sitzplatz, wenn die Beine müde sind.

Ein nettes Wort, wenn jemand es ehrlich meint.

Eigentlich.

In der Praxis sitze ich dann da, bekomme ein Kompliment und mein Kopf benimmt sich, als hätte mir jemand ein Paket ohne Absender vor die Tür gestellt.

Schön verpackt.

Nett gemeint.

Aber verdächtig.

Da steht jemand vor einem, sagt etwas Freundliches, und statt dass mein Gehirn einfach kurz nickt und „Danke“ sagt, fährt irgendwo im Inneren ein kleines Sicherheitsteam aus.

Mit Warnweste.

Mit Klemmbrett.

Mit sehr ernster Miene.

„Moment. Das müssen wir prüfen.“

Und schon wird aus einem netten Satz eine interne Untersuchung mit drei Ausschüssen und einem Praktikanten, der nervös Kaffee verschüttet.


Kritik hat Kanten

Kritik ist nicht unbedingt angenehm.

Aber Kritik ist wenigstens greifbar.

Wenn jemand sagt:

„Das war nicht so gut.“

Dann kann mein Kopf damit arbeiten.

Nicht immer ruhig.

Nicht immer elegant.

Nicht immer ohne innerlich kurz dramatisch aus dem Fenster zu schauen wie eine Nebenfigur in einem melancholischen Anime.

Aber er kennt das Prinzip.

Kritik kann man auseinandernehmen.

Stimmt das?

Ist das berechtigt?

Kann ich daran etwas ändern?

War das einfach nur schlecht formuliert?

Oder war die Person vielleicht selbst gerade ein schlecht gelaunter Mülleimer mit Internetanschluss?

Kritik hat Kanten.

Man kann sie drehen, anschauen, sortieren. Manchmal bleibt sie hängen. Manchmal wirft man sie weg. Manchmal tut sie weh, aber wenigstens weiß man ungefähr, wo sie getroffen hat.

Das ist nicht schön.

Aber es ist ein bekanntes System.

Wie ein altes Linux-Problem, bei dem man zwar flucht, aber wenigstens ungefähr weiß, welche Logdatei einen gleich beleidigen wird.

Bei Komplimenten ist das anders.


Lob ist weich

Ein Kompliment kommt nicht mit Kanten.

Es kommt weich.

Und genau das macht es irgendwie schwieriger.

Jemand sagt:

„Das hast du gut gemacht.“

Und statt einfach zu antworten:

„Danke.“

startet im Kopf erstmal die komplette Prüfmaschine.

Meint die Person das wirklich?

War das nur nett gemeint?

Übertreibt sie?

Hat sie vielleicht gar nicht genau hingesehen?

Soll ich das jetzt glauben?

Was antworte ich, ohne komisch zu wirken?

Das ist eigentlich absurd.

Da steht jemand und sagt etwas Nettes.

Kein Angriff.

Keine Falle.

Kein Bosskampf.

Nur ein freundlicher Satz.

Und trotzdem verhält sich der Kopf, als müsste er erstmal das Kleingedruckte suchen.

Irgendwo muss doch ein Haken sein.

Ein Sternchen.

Eine Fußnote.

Ein „gilt nur für Neukunden“.

Lob fühlt sich manchmal an wie ein Geschenk, das man nicht sofort auspackt, weil man innerlich noch prüft, ob es vielleicht piept.


Fehler glaube ich schneller

Ich glaube, viele Menschen können Kritik schneller glauben als Lob.

Nicht, weil Kritik automatisch wahrer ist.

Sondern weil sie besser zu dem passt, was man ohnehin schon heimlich über sich befürchtet.

Ein Fehler?

Ja, klingt realistisch.

Etwas gut gemacht?

Hm.

Sicher?

Das ist schon ein bisschen unfair.

Vor allem gegen einen selbst.

Wenn jemand etwas Negatives sagt, findet der Kopf manchmal sofort zehn alte Belege aus dem Archiv.

Alles schön beschriftet.

Staubig.

Aber griffbereit.

„Siehst du? Damals war das auch schon so.“

Bei Lob ist das Archiv plötzlich leerer.

Oder zumindest schlechter sortiert.

Da steht dann irgendwo eine Kiste mit der Aufschrift:

„Vielleicht nett gemeint.“

Und daneben liegt ein Zettel:

„Später prüfen.“

Mein Kopf ist bei Fehlern ein gut gepflegtes Dokumentationssystem.

Bei Komplimenten eher ein chaotischer Dachboden mit einer Taschenlampe, die nur manchmal funktioniert.

Das ist nicht besonders hilfreich.

Aber es erklärt einiges.


Das schwierige kleine Wort

Eigentlich besteht die ganze Übung manchmal nur aus einem Wort.

Danke.

Nicht:

„Ach, so gut war das gar nicht.“

Nicht:

„Das war nur Glück.“

Nicht:

„Andere können das viel besser.“

Nicht sofort erklären, relativieren, kleinmachen oder mit beiden Händen zurück in die Welt schieben.

Einfach:

„Danke.“

Das klingt leicht.

Ist es aber nicht immer.

Weil ein ehrliches Danke bedeutet, dass man das Kompliment wenigstens für einen Moment stehen lässt.

Nicht komplett glauben muss.

Nicht sofort in Stein meißeln.

Nicht direkt als neue Identität übernehmen und mit dramatischer Musik durch den Raum laufen.

Aber auch nicht direkt erschießen, bevor es überhaupt den Flur betreten hat.

Nur stehen lassen.

Wie einen kleinen Gast, bei dem man noch nicht weiß, ob er bleibt.

Vielleicht setzt er sich nur kurz hin.

Vielleicht trinkt er einen Kaffee.

Vielleicht ist er gar nicht gefährlich.

Vielleicht ist es wirklich einfach nur ein netter Satz.


Vielleicht muss man Lob nicht sofort verstehen

Vielleicht ist das der Punkt.

Man muss Komplimente nicht sofort komplett annehmen können.

Man muss nicht plötzlich souverän, gelassen und innerlich sortiert sein.

Das wäre schön.

Aber mein Kopf ist kein aufgeräumtes Wohnzimmer mit Duftkerze.

Eher ein Raum, in dem jemand gleichzeitig Kabel sortiert, alte Gedanken stapelt und irgendwo noch ein mentaler Drucker blinkt, obwohl niemand ihn benutzt.

Vielleicht reicht es erstmal, nicht dagegen anzukämpfen.

Ein Kompliment darf auch einfach mal im Raum stehen.

Ohne dass der Kopf sofort einen Ausschuss gründet.

Vielleicht darf jemand etwas Nettes sagen, und ich muss nicht direkt beweisen, warum es übertrieben ist.

Vielleicht muss ich nicht jedes Lob kleinrechnen, bis am Ende nur noch ein trauriger Restbetrag übrig bleibt.

Vielleicht ist Lob manchmal nicht verdächtig.

Vielleicht ist es einfach nur ein Satz, den jemand ernst meint.

Und vielleicht ist das schon schwer genug.

Nicht, weil nette Worte kompliziert sind.

Sondern weil man manchmal erst lernen muss, sich selbst nicht sofort aus ihnen herauszureden.


Fazit: Danke reicht erstmal

Ich glaube nicht, dass man von heute auf morgen plötzlich gut darin wird, Komplimente anzunehmen.

Das ist wahrscheinlich keine Fähigkeit, die man einmal installiert und dann läuft sie stabil im Hintergrund.

Eher so ein wackeliger kleiner Dienst, der manchmal startet, manchmal abstürzt und gelegentlich fragt, ob wirklich alle Abhängigkeiten vorhanden sind.

Aber vielleicht muss es auch gar nicht perfekt sein.

Vielleicht reicht es, beim nächsten Kompliment nicht sofort panisch die innere Beweisaufnahme zu eröffnen.

Vielleicht reicht es, kurz zu atmen.

Den Satz stehen zu lassen.

Nicht direkt auszuweichen.

Nicht sofort ein Gegenargument zu bauen.

Nicht das nette Wort in der Luft zu zerlegen wie ein verdächtiges Paket.

Einfach:

„Danke.“

Mehr nicht.

Kein Vortrag.

Keine Selbstverteidigung.

Keine Relativierung mit Schleifchen.

Nur dieses eine kleine Wort.

Und vielleicht ist genau das manchmal schon ein ziemlich großer Schritt.

Komplimente sind schwieriger als Kritik.

Kritik hat Kanten.

Lob ist weich.

Und vielleicht muss ich erst lernen, dass weich nicht automatisch gefährlich ist.