Letzten Montag habe ich einen Artikel über Linux Mint veröffentlicht. Über seine Geschichte, die Menschen dahinter und eine Distribution, deren konsequente Art ich ziemlich respektiere. Mein persönliches Fazit war trotzdem klar: In diesem Wohnzimmer möchte ich nicht wohnen.
Nun. Ich schreibe diesen Text unter Linux Mint.
Offenbar sollte ich solche Aussagen künftig mit einem Haltbarkeitsdatum versehen.
Bei der Recherche bekam ich nämlich plötzlich Lust, Mint selbst noch einmal auszuprobieren. Einfach schauen, wie es sich heute anfühlt. Inzwischen habe ich das Panel nach meinen Vorstellungen gestaltet, Fancy Tiles sorgt für Ordnung zwischen meinen Fenstern, und ich fühle mich mit Cinnamon verdächtig wohl.
Die Systemeinstellungen finde ich immer noch grauenhaft. So viel Beständigkeit muss sein.
Aber sobald ich die wieder geschlossen habe, bleibt da ein Desktop, auf dem ich gerade ziemlich gerne unterwegs bin.
Die Recherche hatte Nebenwirkungen
In meinem letzten Mint-Artikel ging es viel um die Entscheidungen hinter dem Projekt. Mich damit zu beschäftigen, hat meine Neugier offenbar stärker gefüttert, als ich beim Schreiben bemerkt habe.
Irgendwann war der Gedanke da: Vielleicht sollte ich Cinnamon einfach noch einmal selbst benutzen.
Mein Kubuntu gab mir dafür keinen akuten Anlass. Dort steckt inzwischen reichlich eigene Arbeit drin: mein Panel, mein Lesbian-Theming von rEFInd bis zum Sperrbildschirm und mein Scrolling-Tiler. Das ist schon ziemlich genau mein Ding.
Eigentlich standen außerdem ganz andere Aufgaben an. Einen vernünftigen ThinkPad-Server aufsetzen. Danach die Datenbank und den Workflow für Animavel angehen. Dinge, die auf meiner Projektliste schon lange genug herumliegen, um langsam eigene Ansprüche an die Einrichtung zu stellen.
Und was mache ich?
Linux Mint installieren und mit Cinnamon herumspielen.
Immerhin konsequent in meiner Inkonsequenz.
Die Systemeinstellungen bleiben grauenhaft
Bevor jetzt jemand denkt, ich hätte innerhalb einer Woche sämtliche Kritik vergessen: Nein.
Mit den Systemeinstellungen werde ich weiterhin nicht warm. Die gefallen mir schlicht nicht. Daran ändert auch ein hübsch eingerichteter Desktop nichts.
Ich will daraus aber auch keinen größeren Skandal machen, als es für mich tatsächlich ist. Die Einstellungen sind der Ort, an dem ich mein System anpasse. Den restlichen Tag verbringe ich mit den Anwendungen und Fenstern, die ich mir dort eingerichtet habe.
Und genau da beginnt sich mein Eindruck zu verändern.
Beim ersten Anschauen kann mir eine Oberfläche immer noch nicht gefallen. Wenn ich sie dann auf meine Bedürfnisse einstelle und einige Tage damit arbeite, kann trotzdem etwas entstehen, das sich angenehm anfühlt.
Das hätte ich beim letzten Artikel vielleicht etwas weniger endgültig formulieren sollen. Aber dann hätten wir heute auch weniger zu lachen.
Ein eigenes Panel und ein bisschen Ordnung
Natürlich habe ich Mint nicht einfach installiert und anschließend beschlossen, alles genauso zu lassen.
Das Panel hat ein eigenes Design bekommen. Die Optik habe ich angepasst, und mit Fancy Tiles habe ich mir eine Fensteraufteilung eingerichtet, mit der ich gerne arbeite. Tiling gehört für mich inzwischen einfach dazu. Wenn im Kopf schon genug durcheinanderliegt, dürfen wenigstens die Fenster einen festen Platz haben.
Dafür musste ich Cinnamon auch nicht durch einen anderen Desktop ersetzen. Ich habe die vorhandene Umgebung so eingerichtet, dass sie zu meinem Alltag passt.
Die erste Version war sehr grün.
Grün ist meine Lieblingsfarbe. Das bedeutet allerdings offenbar nicht, dass ich sie gleichzeitig auf jeder verfügbaren Oberfläche sehen möchte. Irgendwann war es selbst mir zu viel, also habe ich wieder etwas Farbe herausgenommen.
Jetzt ist der Desktop ruhiger. Die grünen Akzente sind noch da, aber sie müssen nicht mehr allein beweisen, welche Distribution gerade läuft.
Und ja, eine passende Figur für Fastfetch gehört inzwischen auch dazu. Ganz ohne persönliche Spuren verlasse ich so ein frisch eingerichtetes System schließlich nicht.



Blur Cinnamon bekam leider zu viel Appetit
Ein bisschen Blur und Transparenz wollte ich natürlich ebenfalls haben. Ich mag solche Effekte. Also kam Blur Cinnamon dazu.
Optisch gefiel mir das. Beim Speicherverbrauch wurde es weniger gemütlich.
Mit aktiviertem Blur lag der Cinnamon-Prozess bei mir schon kurz nach dem Start bei ungefähr 1.600 MB. Danach wuchs der Verbrauch weiter. In meinen Einstellungen lag das Speicherlimit für Cinnamon bei 2.048 MB. Wurde diese Grenze überschritten, startete Cinnamon neu.
Und dieser Neustart brachte mir dann mein Fancy-Tiles-Layout durcheinander.
Da sitzt du vor deinem hübsch eingerichteten Desktop, hast die Fenster dort, wo du sie haben willst, und plötzlich darfst du wieder aufräumen. Da kann der Hintergrund noch so schön verschwimmen: Wenn mir der Effekt mein Layout fickt, ist meine Begeisterung ziemlich schnell vorbei.
Also flog Blur Cinnamon wieder raus.
Danach startete Cinnamon bei mir mit ungefähr 350 MB. Selbst nach acht Stunden Arbeit lag der Prozess nur bei rund 700 MB. Seitdem blieben auch die zuvor beobachteten Neustarts aus.
Das sind meine Beobachtungen auf meinem System, keine allgemeine Messreihe über Cinnamon. Die Zahlen beziehen sich auf den Cinnamon-Prozess, nicht auf den gesamten Arbeitsspeicherverbrauch des Rechners. Für meine Entscheidung war der Unterschied jedenfalls deutlich genug.
Blur durfte gehen. Mein Fensterlayout sollte bleiben.
Ohne Blur sieht es tatsächlich auch gut aus
Das Überraschende ist, wie wenig mich der Verzicht inzwischen stört.
Ich habe Blur und Transparenz in meinem aktuellen Setup weggelassen. Damit ist auch die Jagd nach dem nächsten halb durchsichtigen Hintergrund erst einmal erledigt.
Cinnamon sieht mit einem passenden Theme, meinem Panel und einer stimmigen Farbwahl auch so schick aus. Klare Flächen, gut lesbare Schrift, ein paar Akzente. Ich öffne ein Fenster und finde es trotzdem hübsch. Ganz ohne den Inhalt dahinter weichzuzeichnen.
Das klingt banal. Für jemanden, der seinen Rechner vom Bootmenü bis zum Sperrbildschirm durchgestaltet, ist es aber durchaus eine kleine Erkenntnis.
Ich muss offenbar nicht jeden Effekt mitnehmen, damit sich ein Desktop nach meinem anfühlt.
Die Einrichtung gefällt mir inzwischen gerade in dieser etwas ruhigeren Form. Und wenn dabei meine Fenster dort bleiben, wo ich sie hingestellt habe, nehme ich das sehr gerne mit.


Verdächtig viel Alltag für einen Test
Eigentlich teste ich Mint noch.
Das sage ich jedenfalls. Praktisch sitze ich inzwischen ziemlich selbstverständlich darin. Browser auf, Programme benutzen, nebenbei etwas ausprobieren. Zuletzt habe ich mich hier auch mit LM Studio und lokalen KI-Modellen beschäftigt. Es bleibt also trotz der ruhigen Oberfläche genug Gelegenheit, sich an anderen Stellen selbst Arbeit zu beschaffen.
Was mir an Mint gerade gefällt, ist diese unaufgeregte Art. Nachdem ich meine Anpassungen gemacht und Blur entfernt habe, bin ich einfach gerne auf diesem Desktop unterwegs.
Das ist keine besonders spektakuläre Aussage. Aber für ein System, das ich vor einer Woche noch ziemlich entschieden auf Abstand gehalten habe, ist sie schon bemerkenswert.
Mein Kubuntu ist dadurch nicht plötzlich schlecht geworden. Ich mag meinen dortigen Desktop weiterhin, und die Arbeit daran war auch nicht umsonst. Ich habe gerade nur wenig Anlass, meinen Mint-Test aus Prinzip zu beenden, während ich mich darin wohlfühle.
Ob das dauerhaft so bleibt, weiß ich noch nicht. Nach meinem letzten Artikel wäre es ohnehin etwas mutig, schon wieder eine endgültige Erklärung über meine Desktop-Zukunft abzugeben.
Ich bleibe wohl noch ein bisschen sitzen
Die Systemeinstellungen finde ich weiterhin grauenhaft. Blur Cinnamon hat auf meinem Rechner genug Ärger gemacht, um wieder rauszufliegen. Und ohne mein eigenes Panel-Design und Fancy Tiles wäre das hier vermutlich auch noch nicht die Umgebung, in der ich gerade so gerne arbeite.
Trotzdem gefällt mir das Ergebnis.
Ich habe Cinnamon eine neue Chance gegeben und dabei festgestellt, dass zwischen meinem ersten Eindruck und meinem tatsächlichen Alltag mehr Platz liegt, als ich erwartet hatte.
Letzten Montag wollte ich in diesem Wohnzimmer nicht wohnen.
Inzwischen habe ich die Möbel umgestellt, die Fenster ordentlich angeordnet und festgestellt, dass es sich hier ziemlich entspannt sitzen lässt.
Ich bleibe wohl noch ein bisschen.
Aber die LED-Streifen habe ich erst mal abgebaut.