
Es fing natürlich völlig harmlos an.
Wie diese Dinge eben immer völlig harmlos anfangen.
Ich wollte nicht die Welt verändern. Ich wollte keine eigene Distribution bauen. Ich wollte nicht plötzlich lernen, wie man Pakete schnürt, Build-Skripte schreibt, Abhängigkeiten jagt und sich mit Wayland-Komponenten unterhält, die klingen, als hätte jemand beim Scrabble verloren.
Ich wollte eigentlich nur mein altes CachyOS-Gefühl auf Ubuntu bringen.
Mehr nicht.
Ubuntu unten drunter.
Hyprland oben drauf.
Vielleicht noch Noctalia als hübsche Schicht darüber.
Ein bisschen vertrautes Setup, ein bisschen ruhige Basis, ein bisschen „so hätte ich das gerne“.
Was soll schon passieren?
Berühmte letzte Worte. Direkt neben „ich schau nur kurz in die Config“ und „das dauert bestimmt keine Stunde“.
Ubuntu mit Raketenrucksack
Ubuntu ist für mich inzwischen eine dieser Distributionen, die nicht unbedingt aufregend sein will.
Und genau das ist eigentlich ihr Vorteil.
Ubuntu kommt nicht morgens durch die Tür und schreit: „Ich habe heute Nacht 284 Pakete aktualisiert, viel Glück!“
Ubuntu steht eher da mit Klemmbrett, Kaffee und halbwegs gebügeltem Hemd.
Stabil. Planbar. Alltagstauglich.
Nicht perfekt. Nicht sexy. Aber angenehm langweilig genug, um darauf Dinge zu erledigen, ohne jeden zweiten Tag das Gefühl zu haben, das System hätte heimlich einen Nebenjob als Chaosgenerator angenommen.
Hyprland und Noctalia sind dagegen eine andere Welt.
Das ist nicht Klemmbrett und Kaffee.
Das ist LED-Unterbodenbeleuchtung auf einem Skateboard mit Raketenmotor.
Modernes Wayland, frische Libraries, aktuelle Protokolle, Qt6-Kram, Quickshell, Hyprland-Ökosystem, Kompositor, Shell, IPC, Configs, Themes, alles schön neu, alles schön beweglich.
Ubuntu und brandneue Wayland-Shells passen ungefähr so gut zusammen wie ein TÜV-Prüfer und ein selbstgebauter Raketenrucksack.
Der eine will Stempel, Sicherheit und vorhersehbare Abläufe.
Der andere fragt, ob man schon mal versucht hat, mit 300 Sachen durch eine Paketabhängigkeit zu fliegen.
Und ich stand daneben und dachte:
Ja.
Genau das will ich.
Ich wollte nur mein altes Setup zurück
Der eigentliche Gedanke war gar nicht so verrückt.
Ich mochte mein Hyprland-/Noctalia-Gefühl. Dieses moderne, aufgeräumte, hübsche Desktop-Gefühl. Dieses „das sieht nach mir aus“-Ding.
Aber ich wollte nicht mehr unbedingt den ganzen Rolling-Release-Rucksack mitnehmen.
Arch und CachyOS sind stark. Keine Frage. Gerade wenn man aktuelle Software will, ist das alles sehr bequem. Aber irgendwann hatte ich nicht mehr so richtig Lust auf dieses leise Gefühl im Hinterkopf, dass jeden Tag ein Update vorbeikommen könnte, das mir mit einem freundlichen Lächeln die Türklinke in die Hand gibt.
Ich wollte eine ruhigere Basis.
Ubuntu also.
Weil Ubuntu langweilig genug ist, um produktiv zu sein.
Und bekannt genug, dass man nicht jedes Problem mit Stirnlampe und Opfergabe lösen muss.
Nur leider ist „ruhige Basis“ genau dann schwierig, wenn man oben drauf etwas setzen will, das sich bewegt wie ein junges Reh auf Energy Drink.
Da beginnt dann die Ausgrabung.
Die ersten Schichten Erde
Am Anfang denkt man noch:
„Na gut, dann installiere ich Hyprland halt irgendwie.“
Irgendwie.
Dieses Wort ist gefährlich.
„Irgendwie“ ist der kleine Kobold, der dich freundlich in den Wald führt und dir erst nach drei Stunden sagt, dass er gar keine Karte hat.
Also fängt man an.
Repos prüfen.
Pakete suchen.
Versionen vergleichen.
Abhängigkeiten installieren.
Build-Anleitungen lesen.
Fehlermeldungen anschauen.
Nochmal lesen.
Nochmal bauen.
Nochmal fluchen.
Und plötzlich merkt man:
Das ist nicht einfach nur „Desktop installieren“.
Das ist eine technische Ausgrabung.
Unter jedem Paket liegt noch ein Paket.
Unter jeder Library liegt noch eine Version.
Unter jeder Version liegt eine Entscheidung.
Und unter jeder Entscheidung liegt irgendein Mensch, der vor sechs Monaten dachte: „Ach, das nennen wir jetzt anders.“
Ich kam mir irgendwann wirklich vor wie ein Desktop-Archäologe.
Nicht mit Pinsel und kleinen Tonscherben, sondern mit Terminal, „grep“, Build-Logs und diesem leicht glasigen Blick, den man bekommt, wenn CMake einem zum dritten Mal erklärt, dass es etwas nicht findet, obwohl es da liegt und dich frech anschaut.
Dann kam „sudo make install“
Es gibt Befehle, die klingen harmlos.
„ls“ zum Beispiel.
„cd“.
Vielleicht noch „cat“, wenn man mutig ist.
Und dann gibt es „sudo make install“.
Das klingt nicht nach Alltag. Das klingt nach Keller, Staub, altem Serverraum und einem Mann namens Günther, der seit 1998 denselben Editor benutzt und dir sagt, dass das früher alles einfacher war, während im Hintergrund ein Lüfter stirbt.
Früher war „sudo make install“ für mich so ein Befehl, den Menschen benutzen, die auch freiwillig Möbel ohne Anleitung aufbauen.
Und dann stand ich selbst da.
Source geholt.
Abhängigkeiten installiert.
Build gestartet.
Fehler bekommen.
Noch eine Abhängigkeit installiert.
Nochmal gebaut.
Dann installiert.
Und plötzlich war da nicht nur ein Programm.
Da war Verständnis.
Nicht vollständig. Natürlich nicht. Wir wollen ja realistisch bleiben. Ich habe nicht plötzlich Wayland in reiner Gedankenkraft verstanden und konnte danach mit Displayservern telepathisch kommunizieren.
Aber ich verstand mehr als vorher.
Ich verstand, dass ein Desktop nicht einfach „da“ ist.
Dass zwischen Login-Bildschirm und schöner Oberfläche ziemlich viele kleine Zahnräder sitzen.
Dass ein Compositor nicht allein durch Zauberei startet.
Dass eine Shell nicht nur hübsch aussieht, sondern aus Pfaden, Diensten, Modulen, Protokollen und sehr vielen kleinen „bitte sei vorhanden“-Momenten besteht.
Kurz gesagt:
Ich wollte einen Desktop benutzen.
Dann fing ich an zu verstehen, wie viel unter einem Desktop eigentlich begraben liegt.
Aus „läuft bei mir“ wurde „läuft reproduzierbar“
Der große Wendepunkt war nicht der Moment, in dem Hyprland startete.
Der große Wendepunkt war der Gedanke:
„Okay. Und wie mache ich das jetzt nochmal?“
Denn „läuft bei mir“ ist schön.
Aber „läuft bei mir“ ist auch diese Art Satz, die in der Softwarewelt ungefähr so belastbar ist wie ein Regenschirm aus Toastbrot.
Wenn etwas nur läuft, weil man drei Stunden lang manuell Dateien verschoben, Befehle in zufälliger Reihenfolge ausgeführt und am Ende noch irgendeinen Symlink geopfert hat, dann läuft es nicht wirklich.
Dann hat man nur gerade Glück.
Also kamen die nächsten Schritte.
Build-Skripte.
Dokumentation.
Frische VMs.
Nochmal testen.
Fehler finden.
Fehler reproduzieren.
Fehler beheben.
Wieder testen.
Und plötzlich war da nicht mehr nur ein Bastelabend.
Da war ein Projekt.
Hybruntalia.
Ein Name für diese seltsame Idee, Ubuntu als ruhige Basis mit Hyprland und Noctalia zu verbinden. Nicht als große neue Distribution, nicht als „ich ersetze jetzt alles“, sondern als Desktop-Schicht. Als Versuch, dieses moderne Hyprland-Gefühl auf eine Ubuntu-Basis zu bringen, ohne dass man dafür jedes Mal selbst mit Spitzhacke und Taschenlampe durch die Build-Höhle muss.
Pakete sind kleine Versprechen
Irgendwann landete ich beim Paketbau.
Und das klingt erstmal trockener, als es sich anfühlt.
Ein „.deb“-Paket ist im Grunde ein kleines Versprechen.
Es sagt:
„Ich weiß, wohin meine Dateien gehören.“
„Ich weiß, welche Abhängigkeiten ich brauche.“
„Ich hinterlasse nicht einfach überall Krümel.“
„Ich kann installiert werden, ohne dass der Nutzer vorher eine spirituelle Ausbildung im Quellcode-Kloster absolvieren muss.“
Genau das war plötzlich der Punkt.
Nicht nur: Kann ich Hyprland auf Ubuntu bauen?
Sondern:
Kann ich daraus etwas machen, das sauber installierbar ist?
Kann ich Noctalia dazu bringen, sich nicht wie ein Fremdkörper zu fühlen?
Kann ich Pfade so legen, dass sie Sinn ergeben?
Kann ich eine Session bauen, die in GDM auftaucht?
Kann ich das Ganze so dokumentieren, dass mein zukünftiges Ich nicht vor dem eigenen Projekt sitzt und denkt: „Welcher Bekloppte hat das denn gemacht?“
Die Antwort war natürlich:
Ich.
Ich war der Bekloppte.
Aber immerhin einer mit Dokumentation.
Warum eigentlich?
Die Frage kam zwischendurch immer wieder.
Warum nicht einfach CachyOS weiter nutzen?
Warum nicht Fedora?
Warum nicht NixOS?
Warum nicht einfach KDE und fertig?
Warum nicht, wie normale Menschen, ein System installieren und dann nicht versuchen, einen modernen Wayland-Desktop aus Einzelteilen auf Ubuntu zu montieren?
Gute Fragen.
Unverschämt gute Fragen sogar.
Die ehrliche Antwort ist wahrscheinlich:
Weil ich genau diese Mischung wollte.
Ich wollte Ubuntu als Fundament.
Ruhig, bekannt, stabil genug für Alltag und Projekte.
Aber ich wollte keinen Desktop, der sich für mich nur nach „okay“ anfühlt.
Ich wollte dieses moderne, direkte, schöne Hyprland-/Noctalia-Gefühl.
Diese Oberfläche, die nicht aussieht, als hätte jemand 2012 beschlossen, dass Fensterrahmen jetzt für immer so bleiben müssen.
Ich wollte nicht zwischen ruhiger Basis und schönem Desktop wählen.
Also habe ich angefangen, beides zusammenzubringen.
Und ja, das ist ein bisschen wie ein TÜV-Prüfer mit Raketenrucksack.
Aber manchmal sind genau diese dummen Ideen die interessanten.
Der alte Setup-Geist
Am Anfang wollte ich nur mein altes Setup retten.
Dieses Gefühl von „so arbeite ich gerne“.
Diese Mischung aus Tiling, hübscher Shell, klarer Oberfläche und ein bisschen Spielerei.
Aber während ich versucht habe, diesen alten Setup-Geist auf Ubuntu zu beschwören, ist etwas anderes passiert.
Ich habe nicht einfach kopiert.
Ich habe verstanden.
Nicht alles. Nicht perfekt. Aber genug, um aus „ich will das haben“ langsam „ich kann das bauen“ zu machen.
Und das ist ein anderer Zustand.
Benutzen ist gut.
Verstehen ist besser.
Etwas so lange auseinandernehmen, bis man es wieder halbwegs zusammensetzen kann, ist gefährlich, aber offenbar sehr effektiv.
So wurde aus einem alten CachyOS-Gefühl ein Ubuntu-Projekt.
Aus einer Desktop-Laune wurde Hybruntalia.
Und aus „ich installiere mal eben Hyprland“ wurde eine kleine archäologische Expedition durch moderne Linux-Desktops.
Fazit: Ich wollte nur kurz buddeln
Rückblickend ist es schon etwas absurd.
Ich wollte eigentlich nur ausprobieren, ob ich mein altes Setup auf Ubuntu bekomme.
Jetzt weiß ich Dinge über Build-Abhängigkeiten, Session-Dateien, FHS-Pfade, Noctalia, Quickshell, Hyprland-Komponenten und „.deb“-Pakete, die ich vorher nicht mal als Problem kannte.
Das ist typisch.
Man geht los, um eine kleine Sache zu reparieren, und kommt zurück mit einem Helm, einem Pinsel, drei Tonscherben und der Erkenntnis, dass unter dem eigenen Desktop ein ganzes technisches Siedlungsgebiet liegt.
Vielleicht ist genau das der Reiz.
Nicht nur, dass am Ende etwas läuft.
Sondern dass man unterwegs begreift, warum es vorher nicht lief.
Ich bin also aus Versehen Desktop-Archäologe geworden.
Und irgendwo zwischen „git clone“, „sudo make install“, Build-Log Nummer 47 und dem ersten funktionierenden „.deb“ habe ich gemerkt:
Das war nicht der direkte Weg.
Aber es war meiner.