EU OS: Gute Idee, komischer Beigeschmack

Es gibt Themen, bei denen ich eigentlich nur kurz neugierig sein wollte.

Nur mal kurz reinschauen.

Nur mal kurz verstehen, was da eigentlich los ist.

Und plötzlich sitze ich da mit Kaffee, Linux-Pinguin im Kopf und einer kleinen digitalen Grundsatzkrise auf dem Schoß.

Diesmal heißt der Auslöser: EU OS.

Klingt erstmal groß.

Nach Europa.

Nach digitaler Souveränität.

Nach Behörden, die endlich nicht mehr bei jedem Windows-Update innerlich ein kleines Gebet an Microsoft schicken müssen.

Nach einem eigenen freien Betriebssystem für öffentliche Verwaltungen.

Nach: „Endlich macht mal jemand was.“

Und ganz ehrlich?

Die Idee ist erstmal gut.

Sehr gut sogar.

Aber dann schaut man etwas genauer hin und merkt:

Moment.

Das riecht interessant.

Aber auch ein bisschen komisch.

Nicht schlecht.

Nicht falsch.

Aber eben: komischer Beigeschmack.


EU OS ist nicht das offizielle EU-Linux

Erstmal muss man den Namen etwas entschärfen.

EU OS klingt so, als hätte irgendwo in Brüssel jemand auf einen großen roten Knopf gedrückt und gesagt:

„Ab Montag booten alle Behörden KDE.“

So ist es natürlich nicht.

EU OS ist nach aktuellem Stand kein offizielles Betriebssystem der Europäischen Union. Es ist eher ein Community-Proof-of-Concept. Also ein Projekt, das zeigen will, wie ein freier, verwaltbarer Linux-Desktop für den öffentlichen Sektor aussehen könnte.

Und das ist ein wichtiger Unterschied.

Es ist kein fertiges Behörden-Linux, das morgen auf jedem Amtsrechner landet.

Es ist eher eine technische Idee, ein Entwurf, ein Vorschlag.

Aber trotzdem einer, der spannend ist.

Denn die Grundfrage dahinter ist verdammt relevant:

Wie könnten öffentliche Verwaltungen unabhängiger von Microsoft und proprietären Ökosystemen werden?

Und genau da wird es interessant.


Die Idee dahinter ist erstmal richtig gut

Ich bin jetzt wirklich nicht der Mensch, der bei jeder Linux-Meldung sofort aufspringt und „Jahr des Linux-Desktops!“ ruft.

Dafür habe ich inzwischen zu viele Installer gesehen, zu viele Paketmanager angefasst und zu oft gedacht:

„Ach komm, das probiere ich nur kurz.“

Drei Stunden später sitzt man dann mit kaputtem Grafiktreiber da und fragt sich, warum man eigentlich so ist.

Aber ein Linux-Desktop für Behörden?

Open Source statt proprietärer Abhängigkeit?

Weniger Lizenzkosten?

Mehr Kontrolle?

Mehr Nachvollziehbarkeit?

Mehr Wissen im eigenen Haus?

Das klingt nicht nur gut, das klingt eigentlich überfällig.

Denn wenn Verwaltungen fast komplett von Microsoft, Windows, Office, Teams, Azure und dem ganzen Ökosystem drumherum abhängig sind, dann ist das nicht einfach nur eine technische Entscheidung.

Das ist Infrastruktur.

Das ist Macht.

Das ist Geld.

Das ist langfristige Abhängigkeit.

Und ja, natürlich kann man nicht einfach sagen:

„Wir installieren jetzt Linux und morgen ist alles besser.“

So funktioniert Verwaltung nicht.

So funktioniert IT nicht.

So funktioniert nicht mal mein eigener Rechner, und ich bin nur ein einzelner Mensch mit zu vielen Tabs im Kopf.

Aber die Richtung stimmt.

Öffentliche IT sollte nicht vollständig daran hängen, was ein US-Konzern morgen in seine Lizenzbedingungen schreibt.

Allein deshalb ist EU OS als Idee interessant.


Warum Atomic dafür Sinn ergibt

Der technische Ansatz hinter EU OS ist besonders spannend, weil es nicht einfach nur heißt:

„Hier ist eine normale Linux-Distro, viel Spaß.“

Es geht in Richtung Atomic beziehungsweise immutable System.

Also grob gesagt:

Das Basissystem wird nicht ständig wild verändert, sondern als definierter Zustand ausgeliefert. Updates kommen als neue Systemstände. Wenn etwas schiefgeht, kann man zurückrollen.

Das ist für Behörden ziemlich logisch.

Denn bei einem einzelnen privaten Rechner kann man vielleicht noch sagen:

„Ja gut, ich habe da mal ein Paket installiert, dann noch drei PPAs, dann irgendwas aus GitHub gebaut und jetzt lebt mein System halt sein eigenes Leben.“

Bei 3.000 Behörden-Laptops ist das eher ungünstig.

Da willst du nicht, dass Rechner 12, Rechner 48 und Rechner 731 alle „eigentlich gleich“ sind, aber in Wahrheit jeder sein eigenes kleines Biotop entwickelt hat.

Der eine hat ein Paket mehr.

Der andere wurde vor zwei Monaten halb aktualisiert.

Beim dritten hat irgendein Admin mal schnell was gefixt.

Beim vierten liegt noch ein Workaround von 2021 herum, den keiner mehr versteht.

Das ist keine IT-Landschaft.

Das ist digitale Archäologie mit Gehaltsabrechnung.

Atomic-Systeme versuchen genau das zu verhindern.

Ein definierter Zustand.

Reproduzierbar.

Rollbackfähig.

Weniger Systemdrift.

Mehr Kontrolle.

Das ergibt für Behörden absolut Sinn.

Und ganz ehrlich: Auch für normale Menschen wäre das oft sinnvoller.

Denn ein klassisches Linux-System ist manchmal wie ein WG-Kühlschrank.

Jeder legt was rein.

Keiner weiß mehr, wem der alte Joghurt gehört.

Und irgendwann bewegt sich hinten links etwas.

Atomic Linux sagt dagegen:

„Nein. Das ist der definierte Kühlschrankzustand. Wenn er stinkt, rollen wir zurück.“

Das ist schon charmant.


Die NixOS-Frage liegt auf dem Tisch

Wenn man über reproduzierbare Linux-Systeme spricht, kommt man ziemlich schnell zu NixOS.

Und ja, ich weiß.

NixOS ist so ein Thema, bei dem manche Menschen sofort glänzende Augen bekommen und andere plötzlich einen wichtigen Termin vortäuschen.

Aber rein technisch liegt die Frage nahe:

Wenn man ein System reproduzierbar, deklarativ und sauber ausrollen will — warum nicht NixOS?

NixOS kann genau diese Dinge verdammt gut.

Systeme beschreiben.

Konfiguration versionieren.

Rollbacks machen.

Profile bauen.

Maschinen ähnlich oder unterschiedlich definieren.

Einmal sauber denken, mehrfach ausrollen.

Das klingt für Behörden erstmal nicht falsch.

Im Gegenteil.

Für mein Verständnis wirkt NixOS sogar sehr logisch, wenn es um reproduzierbare Systeme geht.

Und nein, ich bin kein NixOS-Priester mit silbernem Flake-Amulett.

Ich sitze nicht nachts im Kerzenkreis und murmle „declarative configuration“ in eine leere Kaffeetasse.

Aber selbst ich sehe:

Da steckt eine Idee drin, die für große, verwaltete Umgebungen sehr gut passen könnte.

Der Haken ist wahrscheinlich nicht die Technik.

Der Haken ist der Kulturbruch.

NixOS ist nicht einfach nur „Linux, aber anders installiert“.

NixOS ist eine andere Denkweise.

Eine eigene Sprache.

Ein eigenes Paketmodell.

Ein eigenes mentales Modell.

Und wenn man Behörden-IT von Windows wegbewegen will, ist das schon ein harter Brocken.

Du sagst den Leuten nicht nur:

„Hier ist ein neues Betriebssystem.“

Du sagst ihnen:

„Hier ist ein neues Betriebssystem, eine neue Art Systeme zu denken, ein neues Konfigurationsmodell und ja, bitte keine Panik, das ist alles logisch, wenn man es einmal verstanden hat.“

Das ist technisch spannend.

Organisatorisch aber ein kleiner Bossfight.

Vielleicht sogar ein Raidboss.

Deshalb verstehe ich, warum man eher Richtung bootc, Container-Images und bekannte Enterprise-Werkzeuge schaut.

Das ist weniger elegant, aber leichter zu verkaufen.

NixOS wäre vielleicht der sauberere Werkzeugkoffer.

Aber Fedora/bootc ist der Akkuschrauber, den die Verwaltung schon halbwegs kennt.


Und jetzt kommt der Bauchgrummel: Fedora

Der aktuelle EU-OS-Ansatz schaut stark in Richtung Fedora Atomic beziehungsweise bootc.

Und da beginnt für mich der komische Beigeschmack.

Nicht, weil Fedora schlecht ist.

Fedora ist spannend.

Fedora ist modern.

Fedora ist Open Source.

Fedora ist Community.

Aber Fedora ist eben auch nicht in einer kleinen europäischen Waldhütte von drei digital souveränen Eichhörnchen zusammengeschraubt worden.

Fedora hängt stark im Red-Hat-Ökosystem.

Red Hat gehört zu IBM.

IBM ist ein US-Konzern.

Und wenn ein Projekt mit EU, öffentlichem Sektor und digitaler Souveränität im Raum steht, dann darf man schon fragen:

Warum ausgerechnet dieses Fundament?

Natürlich ist das nicht dasselbe wie Microsoft.

Das wäre unfair.

Open Source macht einen riesigen Unterschied.

Fedora kann man anschauen, verändern, forken, selbst bauen, verstehen.

Windows ist da eine ganz andere Nummer.

Aber trotzdem:

Wenn der Anspruch digitale Souveränität ist, dann reicht „ist Open Source“ allein nicht als komplette Antwort.

Denn Souveränität heißt nicht nur:

„Wir nutzen nicht mehr Microsoft.“

Souveränität heißt auch:

Wer prägt das Ökosystem?

Wer baut die Werkzeuge?

Wer finanziert die Richtung?

Wer hat langfristig Einfluss?

Und da ist Fedora eben nicht frei von Konzernschwerkraft.

Man kann nicht so tun, als wäre Fedora einfach ein neutraler Pinguin, der zufällig im Wald gefunden wurde.

Es ist ein Community-Projekt, ja.

Aber eines mit sehr deutlicher Red-Hat-Nähe.

Und genau das macht es für ein Projekt namens EU OS erklärungsbedürftig.


Und SUSE steht daneben und winkt

Der Punkt, der mich daran besonders kratzt:

Wenn es um Europa geht, warum schaut man dann nicht stärker auf SUSE und openSUSE?

SUSE ist europäisch geprägt.

openSUSE hat mit MicroOS, Aeon und Kalpa ebenfalls Atomic-Ideen im Umfeld.

Da steht also nicht einfach gar nichts.

Da steht ein europäischer Linux-Zweig daneben und winkt mit einem kleinen Fähnchen.

Natürlich kann man sagen:

„Ja, aber Fedora/bootc ist aktuell reifer.“

Das mag sogar stimmen.

Vielleicht sind die Werkzeuge dort besser vorbereitet.

Vielleicht passt das Enterprise-Ökosystem gerade sauberer.

Vielleicht ist der Proof of Concept damit schneller gebaut.

Aber genau da liegt doch der strategische Schmerz.

Wenn Europa digitale Souveränität will, dann müsste die Frage doch nicht nur lauten:

„Welche vorhandene Lösung ist heute am bequemsten?“

Sondern auch:

„Welche europäische Infrastruktur müssen wir stärken, damit sie in zwei, drei oder fünf Jahren wirklich tragfähig ist?“

Sonst macht man am Ende wieder das, was Europa bei Technik gerne macht:

Man erkennt ein Problem.

Man redet über Souveränität.

Man schreibt ein schönes Konzept.

Und dann nimmt man den Werkzeugkasten, der schon fertig sortiert ist.

Blöd nur, wenn der Werkzeugkasten wieder aus Übersee kommt.

Das ist überspitzt, ja.

Aber der Kern bleibt.

Wenn Europa digitale Muskeln will, muss Europa vielleicht auch mal trainieren.

Nicht nur sagen:

„Der amerikanische Akkuschrauber liegt halt schon im Regal.“


Ist das trotzdem besser als Microsoft?

Ja.

Ganz klar: ja.

Und das ist wichtig.

Ein Fedora-/bootc-basiertes EU OS wäre nicht einfach „Microsoft in Grün“.

Das wäre Quatsch.

Open Source ist ein massiver Unterschied.

Man könnte Systeme auditieren.

Man könnte Images selbst bauen.

Man könnte Kosten senken.

Man könnte Wissen aufbauen.

Man könnte Abhängigkeiten reduzieren.

Man könnte lokale Dienstleister einbinden.

Man könnte Verwaltungen Stück für Stück aus proprietären Ketten lösen.

Das ist alles gut.

Sehr gut sogar.

Ich will das gar nicht kleinreden.

Wenn am Ende weniger Geld an Microsoft und andere proprietäre Anbieter fließt und mehr Kontrolle in öffentliche IT-Strukturen wandert, dann ist das ein Fortschritt.

Aber Fortschritt ist nicht automatisch Konsequenz.

Und genau da liegt mein Problem.

EU OS auf Fedora/bootc wäre vermutlich besser als weiter komplett an Microsoft zu hängen.

Aber es wäre nicht automatisch der konsequenteste europäische Weg.

Es wäre eher:

„Wir werden unabhängiger, aber nicht so unabhängig, wie der Name vielleicht klingt.“

Und damit kann man leben.

Aber man sollte es ehrlich sagen.


Nicht Fedora-Bashing, sondern Erwartungsmanagement

Mir geht es dabei nicht darum, Fedora schlechtzureden.

Fedora ist nicht der Bösewicht in diesem Stück.

Red Hat ist auch nicht automatisch der dunkle Endboss mit Lizenzvertrag und Nebelmaschine.

Die Linux-Welt ist komplizierter als „gut“ und „böse“.

Aber wenn man ein Projekt EU OS nennt und digitale Souveränität mitschwingen lässt, dann muss man sich Fragen gefallen lassen.

Warum Fedora?

Warum nicht SUSE/openSUSE stärken?

Warum nicht NixOS als reproduzierbaren Ansatz ernsthafter prüfen?

Warum nicht europäische Werkzeuge gezielt aufbauen?

Warum wieder ein Stack mit starker US-Konzern-Schwerkraft?

Das sind keine unfairen Fragen.

Das sind genau die Fragen, die man stellen sollte, bevor aus einem Proof of Concept irgendwann eine politische Erzählung wird.

Denn sonst passiert am Ende Folgendes:

Man verkauft Open Source als Souveränität.

Aber diskutiert zu wenig darüber, wer das Fundament langfristig prägt.


Mein Fazit

EU OS ist eine gute Idee.

Wirklich.

Ein freier, verwaltbarer Linux-Desktop für öffentliche Verwaltungen wäre wichtig.

Atomic-Systeme ergeben dafür Sinn.

Weniger Microsoft-Abhängigkeit wäre gut.

Open Source im öffentlichen Sektor wäre gut.

Mehr Kontrolle über die eigene digitale Infrastruktur wäre gut.

Aber der Beigeschmack bleibt.

Wenn Europa digitale Souveränität will, sollte Europa nicht nur nach der technisch bequemsten vorhandenen Lösung greifen.

Dann sollte Europa auch fragen:

Welche eigenen Strukturen stärken wir?

Welche europäischen Projekte bauen wir aus?

Wo investieren wir langfristig Kompetenz?

Und wie verhindern wir, dass wir am Ende nur eine Abhängigkeit durch eine offenere, aber immer noch fremd geprägte Abhängigkeit ersetzen?

Vielleicht ist Fedora/bootc für einen Proof of Concept der pragmatische Weg.

Vielleicht sogar der beste schnelle Weg.

Aber wenn daraus wirklich ein europäischer Behörden-Desktop werden soll, dann reicht Pragmatismus allein nicht.

Dann braucht es auch eine ehrliche Debatte über das Fundament.

Denn digitale Souveränität ist mehr als:

„Hauptsache nicht Microsoft.“

Sie bedeutet auch:

„Wir verstehen, kontrollieren und tragen das, worauf wir bauen.“

Und genau deshalb bleibt EU OS für mich gerade:

Gute Idee.

Richtige Richtung.

Spannender technischer Ansatz.

Aber eben auch:

komischer Beigeschmack.