Ich bin 40 und wurde von einem bewaffneten Magical Girl emotional überfahren

Ich bin 40 Jahre alt.

Also ungefähr in diesem Alter, in dem man bei Anime eigentlich langsam eine gewisse Genre-Selbstkenntnis entwickelt haben sollte.

Man weiß, was einen abholt.

Man weiß, was eher nichts für einen ist.

Man weiß, bei welchen Titeln man sofort denkt:

„Ja, okay, das könnte gefährlich für meine Freizeit werden.“

Und man weiß auch, bei welchen Begriffen der innere Anime-Filter erstmal vorsichtig die Tür zumacht.

Bei mir gehört Magical Girl normalerweise eher zur zweiten Kategorie.

Nicht, weil ich das Genre grundsätzlich schlecht finde. Es gibt sicherlich gute Serien darin. Es gibt düstere Ansätze, dekonstruktive Ansätze, absurde Ansätze, Klassiker, Kultkram, Fanlieblinge und wahrscheinlich genug Glitzerstäbe, um damit eine kleinere Stadt mit Licht zu versorgen.

Aber ich bin nun mal ein erwachsener Typ, der bei „Magical Girl“ nicht automatisch denkt:

„Oh ja, genau mein Abendprogramm.“

Eher:

„Hm. Wird das jetzt kindlich, glitzerig und sehr, sehr rosa?“

Und ja, natürlich habe ich als Teenager Sailor Moon geschaut.

Aber seien wir ehrlich: Als Teenager war meine damalige Serienanalyse vermutlich nicht auf dramaturgische Figurenentwicklung, mythologische Untertöne oder die gesellschaftliche Bedeutung von Mondprinzessinnen fokussiert.

Teenagerhirn hatte damals eigene Prioritäten.

Kurze Röcke kamen darin vor.

Mehr möchte ich zu meiner Verteidigung nicht sagen.


Und dann steht da dieser Titel

Magical Girl Lyrical Nanoha EXCEEDS Gun Blaze Vengeance.

Allein dieser Name klingt, als hätte jemand mehrere Anime-Regale umgeworfen und danach gesagt:

„Passt schon, das ist jetzt der Titel.“

Magical Girl.

Lyrical.

Nanoha.

EXCEEDS.

Gun Blaze.

Vengeance.

Das ist kein Titel mehr, das ist ein kleiner Verkehrsunfall aus Genres.

Da steckt Magie drin. Da steckt Musik drin. Da steckt ein alter Franchise-Name drin. Da steckt Überschreitung drin. Da stecken Waffen drin. Da steckt Rache drin.

Eigentlich müsste mein Gehirn bei so einem Titel sagen:

„Nein Kiru. Du hast schon genug offene Tabs.“

Aber natürlich habe ich reingeschaut.

Nur mal kurz.

Dieser Satz hat in meinem Leben bekanntlich eine sehr begrenzte Aussagekraft.


Das ist nicht einfach irgendein neues Magical-Girl-Ding

Was ich beim ersten Blick auf die Serie fast vergessen hätte: Nanoha ist kein frisch aus dem Automaten gefallener Titel.

Die Reihe läuft schon lange. Die ursprüngliche Magical Girl Lyrical Nanoha-Serie startete bereits 2004, und EXCEEDS Gun Blaze Vengeance ist der neueste Eintrag in diesem Franchise. Crunchyroll beschreibt die neue Serie ebenfalls als neuesten Teil der langjährigen Reihe; Nana Mizuki ist wieder als Fate dabei und singt mit „CRIMSON BULLET“ auch das Opening.

Die neue Serie entsteht bei Seven Arcs. Offiziell genannt werden unter anderem Masaki Tsuzuki für Originalwerk und Skript, Takayuki Hamana als Regisseur, Kai Shiono für die Musik, Nana Mizuki mit dem Opening „CRIMSON BULLET“ und Hina Aoki mit dem Ending „Ephemeral“.

Es gibt außerdem einen begleitenden Manga Magical Girl Lyrical Nanoha EXCEEDS, der laut offizieller Seite bei Kodansha beziehungsweise Suiyōbi no Sirius läuft und dessen erste Bände bereits veröffentlicht wurden.

Das klingt erstmal nach Franchise-Pflichtprogramm.

Nach „hier kommt etwas für Leute, die schon lange dabei sind“.

Nach einer Serie, bei der man als Neueinsteiger vielleicht erstmal vorsichtig fragt:

„Muss ich dafür 18 Jahre Hausaufgaben machen?“

Und genau da wurde ich neugierig.

Denn Folge 1 fühlt sich nicht an wie ein gemütliches „Willkommen zurück, alte Fans“-Kuschelkissen.

Folge 1 fühlt sich eher an wie:

„Setz dich hin. Wir fangen mit Weltuntergang, Trauma und Feuer an.“


Der Plot ist eigentlich generisch

Auf dem Papier ist das alles gar nicht so außergewöhnlich.

Vor 30 Jahren tauchten unbekannte invasive Alien-Spezies auf und brachten die Welt fast an den Rand der Vernichtung. Die Menschheit lebt seitdem in einer unsicheren, halbwegs stabilisierten Welt, während die UN-Organisation EXCEEDS gegen Bedrohungen durch diese Invasionsspezies arbeitet. Die Geschichte beginnt im Inselstaat Mizuho und folgt Shiina Kuze, einer Jägerin, die Invasionsspezies bekämpft und eigentlich nur mit ihrer kleinen Schwester Setsuna ruhig leben möchte.

Folge 1 trägt den Fokus „Kuze Shiina Origin“. Shiina lebt auf einer abgelegenen Insel, besucht dort die Schule und arbeitet als Hunterin gegen die Invasionsspezies; durch einen Angriff wird sie in ein Schicksal rund um sogenannte „Majin“ hineingezogen.

Das ist, ganz nüchtern betrachtet, nicht die Neuerfindung des Rades.

Postapokalyptische Welt.

Monster.

Jägerin.

Kleine Schwester.

Bedrohung.

Geheime Organisation.

Mysteriöser Angriff.

Tragischer Auslöser.

Man hat das alles schon irgendwo gesehen.

Wahrscheinlich sogar mehrfach.

Und normalerweise wäre genau das der Punkt, an dem mein innerer Anime-Prüfer aufsteht, einmal mit dem Klemmbrett wedelt und sagt:

„Generisch. Weitergehen.“

Aber Folge 1 hat mich trotzdem erwischt.

Nicht, weil der Plot so unglaublich neu wäre.

Sondern weil die Umsetzung mich emotional reingezogen hat.

Und das ist viel gemeiner.


Wenn ein generischer Plot plötzlich funktioniert

Es gibt diese Serien, bei denen man während der ersten Folge merkt:

„Okay, ich sehe die Bauteile. Ich kenne die Bauteile. Aber irgendwas daran funktioniert gerade trotzdem.“

Magical Girl Lyrical Nanoha EXCEEDS Gun Blaze Vengeance hatte bei mir genau diesen Effekt.

Ich saß nicht da und dachte:

„Wow, das habe ich noch nie gesehen.“

Ich saß eher da und dachte:

„Warum zur Hölle funktioniert das gerade so gut bei mir?“

Die Antwort liegt wahrscheinlich in der Art, wie Folge 1 erzählt.

Sie nimmt sich Zeit.

Vielleicht sogar sehr viel Zeit.

Die Premiere ist länger als eine normale Anime-Folge, und das merkt man. Es wird nicht einfach nur hektisch ein Setup in 24 Minuten gequetscht. Die Folge lässt diesen Alltag zwischen Shiina und Setsuna erstmal atmen.

Und genau dadurch wird das, was später passiert, nicht einfach nur ein Plotpunkt.

Es wird ein kleiner emotionaler Tritt gegen das Schienbein.

Oder eher gegen die Brust.

Denn ja: Ich war emotional drin.

Und ich sage das als jemand, der wirklich nicht erwartet hat, von einem Anime mit Magical Girl im Titel bei Folge 1 leicht zum Flennen gebracht zu werden.

Das war nicht auf meiner Bingo-Karte.

Da standen eher Dinge wie:

„Kubuntu überlebt wieder irgendeinen Unfug.“

Oder:

„Ich installiere aus Versehen ein Paket zu viel.“

Aber nicht:

„Magical Girl macht Kiru weich.“


Ich wurde wirklich abgeholt

Es gibt Animes, die schaffen das bei mir sofort.

86 war so einer.

Da war relativ schnell klar: Ja. Das geht irgendwo hin, wo es weh tun kann.

Cross Ange hatte diese völlig bescheuerte, absurde, dreckige Energie, die mich irgendwie reingezogen hat, obwohl man beim Zuschauen regelmäßig denkt:

„Was genau passiert hier gerade und warum funktioniert das?“

Und bei Romance-Sachen gibt es auch Serien, die sehr schnell klicken.

The Angel Next Door Spoils Me Rotten.

Oder Kaoru & Rin.

Da weiß man manchmal nach einer Folge: Das trifft eine Stelle.

Aber Magical Girl?

Wirklich?

Ausgerechnet das?

Ich habe nicht damit gerechnet.

Und vielleicht hat es mich genau deshalb so hart erwischt.

Weil ich mit einer gewissen Distanz reingegangen bin.

Mit diesem leicht skeptischen Erwachsenen-Blick:

„Na gut, schauen wir mal, was das ist.“

Und dann baut die Folge diese Beziehung zwischen Shiina und Setsuna auf.

Nicht revolutionär.

Nicht subtil bis zur Unsichtbarkeit.

Aber ehrlich genug.

Warm genug.

Traurig genug.

Und dann sitzt man plötzlich da und merkt:

„Mist. Ich bin drin.“


Das ist nicht mein Magical-Girl-Klischee

Wenn ich an Magical Girl denke, denke ich erstmal an Transformationen, Glitzer, Freundschaft, Symbolik, bunte Kostüme und dramatische Angriffe mit Namen, die man wahrscheinlich in Großbuchstaben rufen muss.

Nanoha scheint aber ohnehin nie nur das klassische Magical-Girl-Ding gewesen zu sein.

In der Fan-Diskussion wird die Reihe gerne eher als Mischung aus Magical Girl, Sci-Fi, Action, Militär- und Mecha-Anleihen beschrieben. Ein Reddit-Kommentar fasste das sehr treffend als „Mobile Suit Magical Girl Nanoha Gundam“ zusammen.

Und ja, genau das erklärt vielleicht, warum ich hier nicht sofort mental ausgestiegen bin.

Das hier fühlt sich nicht an wie:

„Glitzerstab gegen Monster der Woche.“

Es fühlt sich eher an wie:

„Welt am Abgrund, Feuer, Waffen, Trauma, und irgendwo kommt gleich ein Magical Girl mit der Feuerkraft eines mobilen Endgegners um die Ecke.“

Das ist eine andere Energie.

Das ist weniger Kinderzimmer-Glitzer.

Mehr:

„Was wäre, wenn Magical Girl und militärischer Sci-Fi-Kram zusammen in einer dunklen Gasse schlechte Entscheidungen treffen?“

Und ja.

Das interessiert mich deutlich mehr.


Die Fans reagieren bisher neugierig bis gespalten

Weil bisher nur Folge 1 draußen ist, sind die Reaktionen natürlich noch frisch und vorsichtig.

In der r/anime-Diskussion fällt auf, dass einige langjährige Nanoha-Fans sehr bewegt oder zumindest neugierig sind. Dort wird unter anderem betont, dass es der erste neue TV-Anime der Reihe seit vielen Jahren ist und dass die Folge deutlich düsterer beziehungsweise gewalttätiger ausfällt, als manche erwartet hatten.

Andere diskutieren vor allem, wie diese neue Welt in die Nanoha-Kontinuität passt, ob es sich um eine Parallelwelt handelt und wie Nanoha, Fate und Hayate später sinnvoll in Shiinas Geschichte eingebunden werden.

Es gibt aber auch Kritik.

The Glorio Blog war mit der ersten Folge sehr hart. Dort wird die Serie als optisch schwach, mit flacher Regie, schlechtem CGI und einem aus Sicht des Autors sehr klischeehaften Setup kritisiert. Außerdem wird bemängelt, dass die längere Premiere Dialoge und emotionale Momente zu sehr auswalzt.

Und weißt du was?

Ich kann sogar verstehen, woher diese Kritik kommt.

Der Plot ist klischeehaft.

Die Serie ist nicht plötzlich ein makelloses Meisterwerk, nur weil sie mich emotional erwischt hat.

Nicht jede Szene ist elegant.

Nicht jede Idee ist neu.

Und ja, man kann wahrscheinlich sehr gut argumentieren, dass die erste Folge mit weniger Laufzeit straffer gewesen wäre.

Aber genau hier kommt wieder dieser nervige Punkt:

Manchmal funktioniert etwas emotional, obwohl man die Schwächen sieht.

Und das ist für mich fast interessanter als ein technisch sauberer, aber kalter Auftakt.


Vielleicht ist es gerade die Unverschämtheit

Vielleicht hat mich die Folge auch deshalb erwischt, weil sie so unverschämt direkt ist.

Sie tarnt sich nicht als komplexes Puzzle.

Sie baut nicht erst zehn Ebenen Meta-Kommentar auf.

Sie sagt im Grunde:

„Hier ist eine kaputte Welt. Hier sind zwei Schwestern. Hier ist ein bisschen Hoffnung. Und jetzt schauen wir mal, wie viel davon übrig bleibt.“

Das ist simpel.

Aber simpel ist nicht automatisch schlecht.

Ein Messer ist auch simpel.

Kommt drauf an, wo es landet.

Und Folge 1 landet emotional ziemlich direkt.

Bei mir zumindest.

Vielleicht lag es an Shiina.

Vielleicht an Setsuna.

Vielleicht an der Musik.

Vielleicht an dieser Mischung aus ruhigem Alltag und drohendem Weltuntergang.

Vielleicht auch daran, dass ich nicht vorbereitet war.

Ich dachte, ich schaue kurz in einen Magical-Girl-Anime rein.

Stattdessen hat mir die Serie ein kleines emotionales Paket vor die Tür gestellt, angezündet, geklingelt und ist weggerannt.


Ich bin nicht plötzlich Magical-Girl-Experte

Wichtig ist aber: Ich tue jetzt nicht so, als wäre ich plötzlich der große Nanoha-Kenner.

Bin ich nicht.

Ich kenne das Franchise nicht gut genug, um hier eine vollständige Einordnung über alle Staffeln, Filme, Timelines, Parallelwelten und Fan-Erwartungen abzuliefern.

Dafür gibt es Menschen, die seit 2004 in diesem Universum wohnen.

Ich stehe eher gerade an der Tür, schaue rein und sage:

„Entschuldigung, warum brennt hier alles und warum fühle ich etwas?“

Das hier ist also kein endgültiges Urteil.

Es ist ein erster Eindruck.

Ein sehr überraschter erster Eindruck.

Eine Folge.

Eine emotionale Reaktion.

Ein erwachsener Mann, der dachte, Magical Girls wären heute nicht sein Problem, und dann saß da plötzlich ein Anime mit Waffen, Feuer und Schwesterndrama und hat ihn erwischt.

Das ist die ganze Ausgangslage.

Und ehrlich gesagt reicht mir das für einen Otakuland-Text völlig.


Folge 2 muss jetzt liefern

Natürlich ist jetzt die große Frage:

War das nur ein starker Auftakt oder trägt die Serie das weiter?

Denn genau daran wird sich entscheiden, ob Gun Blaze Vengeance für mich wirklich interessant bleibt.

Folge 1 hat mich abgeholt.

Aber Folge 1 hatte auch einen klaren Vorteil: Sie durfte als Ursprungsgeschichte emotional hart aufladen.

Jetzt muss die Serie zeigen, was sie daraus macht.

Wie wird Shiina weitergeführt?

Wie stark wird Nanoha selbst eingebunden?

Bleibt diese düstere Sci-Fi-Atmosphäre?

Oder kippt das alles in Franchise-Gewusel, bei dem Neueinsteiger irgendwann nur noch höflich nicken und innerlich nach einer Timeline-Grafik schreien?

Ich weiß es nicht.

Aber ich bin neugierig.

Und das allein ist schon mehr, als ich vor dem Start erwartet hätte.


Mein Fazit nach Folge 1

Magical Girl Lyrical Nanoha EXCEEDS Gun Blaze Vengeance hat mich mit seiner ersten Folge kalt erwischt.

Nicht, weil der Plot unfassbar originell ist.

Nicht, weil ich plötzlich mein Leben dem Magical-Girl-Genre widme.

Nicht, weil alles perfekt wäre.

Sondern weil die Folge emotional funktioniert hat.

Sie hat mich reingezogen.

Sie hat mich überrascht.

Sie hat mich an einer Stelle getroffen, an der ich gar nicht mit Verteidigung gerechnet habe.

Und das ist vielleicht das schönste Kompliment, das ich einer ersten Folge machen kann.

Sie hat aus einem skeptischen:

„Na gut, mal reinschauen.“

ein ehrliches:

„Okay. Ich will wissen, wie es weitergeht.“

gemacht.

Und ja, das ist schon ein bisschen absurd.

Ich bin 40.

Ich wollte kein Magical-Girl-Zeug schauen.

Und jetzt sitze ich hier und warte auf Folge 2 von einem Anime, dessen Titel klingt wie ein bewaffneter Gedichtband mit Racheproblemen.

Anime ist manchmal wirklich unfair.

Aber auf die gute Art.