Spoilerwarnung: Dieser Artikel bespricht die Handlung, wichtige Entwicklungen und auch das Ende von Josie, der Tiger und die Fische. Wer den Film noch unvoreingenommen sehen möchte, sollte ihn also besser zuerst anschauen und anschließend wiederkommen. Die Fische schwimmen nicht weg.

So langsam dürfte es selbst den letzten Menschen aufgefallen sein: Ich mag Romance-Anime.

Ich weiß, diese Erkenntnis kommt vollkommen überraschend. Schließlich besteht Otakuland inzwischen nur zufällig zu einem beachtlichen Teil aus Texten über zwei emotional leicht beschädigte Menschen, die ungefähr zwölf Folgen benötigen, um festzustellen, dass sie sich eventuell ein kleines bisschen mögen.

Andere Männer schreiben über Fußball, Autos oder darüber, welcher Akkuschrauber das beste Drehmoment besitzt. Ich sitze währenddessen vor dem Bildschirm und denke:

„Sag ihr doch einfach, dass du sie liebst, du emotionaler Klappstuhl.“

Zuletzt ging es hier um Love Unseen Beneath the Clear Night Sky, eine Romanze über ein blindes Mädchen und einen jungen Mann, der selbst nicht gerade mit prall gefülltem Lebensmut durch die Gegend hüpft. Und wenn wir schon bei Liebesgeschichten mit Mädchen mit Handicap sind, darf ein Titel natürlich nicht fehlen:

Josie, der Tiger und die Fische.

Ein Anime-Film über ein Mädchen im Rollstuhl, einen ausgesprochen geduldigen Studenten, ziemlich viele Fische und die Frage, ob Liebe tatsächlich alle Hindernisse überwinden kann – oder wenigstens dabei hilft, nicht dauerhaft im eigenen Schneckenhaus sitzen zu bleiben.

Ganz ehrlich vorweg: Ich fand den Film gut.

Aber nicht überragend.

Was möglicherweise auch daran liegt, dass Anime-Filme und ich eine etwas schwierige Beziehung führen. Sie sehen meistens wunderschön aus, haben eine interessante Idee und versuchen anschließend, innerhalb von anderthalb Stunden ungefähr so viele emotionale Entwicklungsschritte unterzubringen wie eine komplette Anime-Staffel.

Das Ergebnis fühlt sich für mich häufig an wie eine zwölfteilige Serie, bei der jemand versehentlich die mittleren sieben Folgen gelöscht hat.


Worum geht es überhaupt?

Tsuneo Suzukawa studiert Meeresbiologie, arbeitet nebenbei in einem Tauchgeschäft und spart Geld für seinen großen Traum: Er möchte ins Ausland, um dort einen bestimmten Fisch zu erforschen.

Sein Leben besteht also aus Studium, Arbeit, noch mehr Arbeit und der langfristigen Hoffnung, irgendwann in Mexiko ins Wasser zu springen und dabei nicht von etwas gefressen zu werden, das in seinem Studienbuch deutlich kleiner aussah.

Eines Abends fällt ihm praktisch eine junge Frau entgegen.

Josie, die eigentlich Kumiko heißt, sitzt seit ihrer Kindheit im Rollstuhl und lebt gemeinsam mit ihrer Großmutter. Diese hält die Außenwelt für einen Ort, der ungefähr zur Hälfte aus Gefahren und zur anderen Hälfte aus Menschen besteht, die Josie verletzen könnten.

Vollkommen unbegründet ist diese Angst leider nicht.

Josie hat dadurch allerdings kaum Erfahrungen außerhalb ihrer eigenen vier Wände gesammelt. Ihre Welt besteht vor allem aus Büchern, Bildern und ihrer Fantasie. Sie malt das Meer, obwohl sie es selbst noch nie gesehen hat, und träumt von Orten, die sie bisher nur aus Geschichten kennt.

Nach ihrer etwas unkonventionellen ersten Begegnung stellt Josies Großmutter Tsuneo als eine Art Betreuer ein. Seine Aufgabe klingt zunächst überschaubar: Zeit mit Josie verbringen, ihr helfen und dabei möglichst nicht von ihr aus dem Fenster geworfen werden.

Letzteres ist vermutlich der schwierigste Teil.


Josie ist am Anfang wirklich anstrengend

Ich muss es so deutlich sagen: Ich fand es teilweise erschreckend, wie Josie zu Beginn mit Tsuneo umgeht.

Sie kommandiert ihn herum, beleidigt ihn, wirft Dinge nach ihm und behandelt ihn zeitweise weniger wie einen Menschen und mehr wie einen etwas unterqualifizierten Hausangestellten.

Tsuneo wiederum erträgt das alles mit einer Geduld, bei der ich mich mehrfach gefragt habe, ob der Mann vielleicht heimlich von einem Golden Retriever großgezogen wurde.

Er steht da, lässt sich anmeckern und wirkt dabei, als würde er innerlich nur denken:

„Ach, sie braucht wahrscheinlich einfach ein bisschen Zeit.“

Vielleicht bin ich bei solchen Dynamiken auch zu empfindlich. Aber gelegentlich hatte ich wirklich das Gefühl, dass Tsuneo nicht wie ein gleichberechtigter Gegenpart agiert, sondern wie ein treudoofer Hund, der auch nach dem dritten geworfenen Pantoffel noch freudig mit dem Schwanz wedeln würde.

Trotzdem konnte ich Josies Verhalten zumindest teilweise nachvollziehen.

Nicht gutheißen. Aber nachvollziehen.

Sie hat einen großen Teil ihres Lebens abgeschottet verbracht. Ihre Großmutter liebt sie und möchte sie beschützen, vermittelt ihr dabei aber gleichzeitig, dass die Welt außerhalb des Hauses vor allem gefährlich ist.

Josie erlebt Abhängigkeit nicht als gelegentliche Unannehmlichkeit, sondern als festen Bestandteil ihres Alltags. Sie benötigt Hilfe, um viele Orte überhaupt erreichen zu können. Gleichzeitig möchte sie auf keinen Fall als hilflos oder bemitleidenswert angesehen werden.

Ihr schroffer Umgang mit Tsuneo wirkt deshalb auch wie eine Rüstung.

Solange sie ihn herumkommandiert, besitzt sie Kontrolle. Solange sie zuerst gemein wird, kann er sie nicht zuerst verletzen. Und solange sie so tut, als wäre er nur ein Angestellter, muss sie nicht zugeben, dass seine Anwesenheit ihr zunehmend wichtig wird.

Das macht ihr Verhalten nicht automatisch richtig. Aber es macht Josie zu einer Figur mit Ecken und Kanten statt zu einem engelsgleichen Mädchen im Rollstuhl, dessen einzige Aufgabe darin besteht, beim Publikum möglichst effizient die Tränendrüsen auszupressen.

Und das rechne ich dem Film hoch an.


Ein Tiger ist leichter als die echte Welt

Der Titel klingt zunächst, als hätte jemand drei zufällige Begriffe aus einem Kinderbuch gezogen.

Josie. Tiger. Fische.

Fertig ist der Titel. Den Rest erklärt bestimmt das Bonusmaterial.

Tatsächlich tragen alle drei Bestandteile eine Bedeutung.

„Josie“ ist nicht ihr richtiger Name. Kumiko übernimmt ihn aus den Büchern der französischen Schriftstellerin Françoise Sagan. Der Name gehört zu ihrer selbst erschaffenen Identität – zu der Person, die sie sein möchte und nicht nur zu der Frau, als die andere sie betrachten.

Der Tiger steht für ihre Angst.

Josie möchte im Zoo einen Tiger sehen, weil sie sich ihren Ängsten stellen will. Ein Tiger ist gefährlich, laut und besitzt Zähne, bei denen man sich plötzlich sehr intensiv an alle offenen Versicherungsfragen erinnert.

Doch der echte Tiger der Geschichte ist die Außenwelt.

Treppen, Bordsteine, fehlende Zugänge, neugierige Blicke und Menschen, die entweder zu viel helfen oder überhaupt nicht helfen wollen. Für Josie kann bereits ein gewöhnlicher Ausflug eine Planung erfordern, über die andere Menschen nicht einmal nachdenken müssen.

Die Fische wiederum stehen für Freiheit.

Unter Wasser scheint die Schwerkraft ihre Macht zu verlieren. Die Fische bewegen sich in alle Richtungen, ohne Treppen, Bordsteine oder schmale Türen beachten zu müssen. Für Josie ist das Meer deshalb nicht einfach nur ein schönes Reiseziel. Es ist die Vorstellung einer Welt, in der ihr Körper nicht ständig darüber entscheidet, wohin sie darf.

Gerade die fantastischen Unterwasserszenen gehören visuell zu den stärksten Momenten des Films. Dort zeigt sich, was Animation besser kann als eine nüchterne Abbildung der Realität: Sie kann Josies Sehnsucht sichtbar machen.


Zwei Menschen öffnen einander die Welt

Die Beziehung zwischen Josie und Tsuneo funktioniert vor allem deshalb, weil nicht nur einer von beiden den anderen „rettet“.

Natürlich ist Tsuneo zunächst derjenige, der Josie nach draußen bringt. Er erfüllt ihr Wünsche, zeigt ihr das Meer, begleitet sie durch die Stadt und hilft ihr dabei, Dinge zu erleben, die sie bisher nur aus Büchern und Bildern kannte.

Doch Josie verändert auch ihn.

Tsuneo verfolgt seinen Traum zwar schon lange, aber er funktioniert dabei fast wie ein gut organisierter Arbeitsplan auf zwei Beinen. Studieren, jobben, sparen, irgendwann ins Ausland gehen.

Josie erinnert ihn daran, warum dieser Traum überhaupt wichtig ist.

Während er ihr die echte Welt zeigt, zeigt sie ihm ihre Fantasie. Sie betrachtet das Meer nicht bloß wissenschaftlich, sondern verwandelt es in Bilder, Geschichten und Sehnsucht.

Die beiden geben einander damit etwas, das ihnen selbst fehlt:

Tsuneo gibt Josie den Mut, ihre Welt zu vergrößern.

Josie gibt Tsuneo einen neuen Blick auf seine eigene Welt.

Das ist eine schöne Grundlage für eine Romanze. Und sobald Josie damit aufhört, ihn wie einen mangelhaft programmierten Lieferroboter zu behandeln, entwickelt sich zwischen den beiden tatsächlich eine ziemlich sympathische Dynamik.

Die kleinen Neckereien funktionieren dann besser, weil sie nicht mehr nur von oben nach unten gehen. Josie wird weicher, ohne plötzlich zu einer vollkommen anderen Person zu werden, und Tsuneo lernt, ihr nicht nur alles abzunehmen, sondern sie ernst zu nehmen.


Mai hatte eigentlich eine eigene Geschichte verdient

Dann gibt es noch Mai, Tsuneos Kollegin aus dem Tauchgeschäft.

Bei ihr ist ungefähr ab dem ersten gemeinsamen Bild klar, dass sie bis über beide Ohren in Tsuneo verliebt ist.

Nur Tsuneo selbst erkennt davon natürlich nichts.

Anime-Figuren können innerhalb weniger Sekunden komplizierte Kampftechniken analysieren, politische Intrigen durchschauen und die Flugbahn eines Projektils berechnen. Aber sobald eine Frau sie mit glänzenden Augen anschaut und nervös fragt, ob sie am Wochenende Zeit haben, setzt im Gehirn offenbar der abgesicherte Modus ein.

Mai kommt leider viel zu kurz.

Ihre Gefühle werden früh deutlich gemacht, aber der Film gibt ihr kaum Raum, um daraus mehr als die klassische Rivalin zu machen. Sie ist da, damit Josie eifersüchtig werden kann und damit kurzzeitig ein kleines romantisches Dreieck entsteht.

Gerade deshalb mochte ich die Rivalität zwischen ihr und Josie. Die beiden müssen sich nicht besonders anstrengen, um einander unsympathisch zu finden. Ein kurzer Blick genügt und man hört förmlich zwei Katzen in einer zu kleinen Transportbox fauchen.

Besonders stark fand ich Mai aber gegen Ende.

Als Josie sich zurückzieht und glaubt, Tsuneo ohne sie besser dran wäre, ist es ausgerechnet Mai, die ihr den Kopf wäscht. Und das, obwohl Mai selbst allen Grund hätte, Josie einfach verschwinden zu lassen.

Sie liebt Tsuneo schließlich ebenfalls.

Trotzdem erkennt sie, dass nicht sie diejenige ist, die ihn aus seinem Tief holen kann. Sie stellt sein Wohlergehen über ihren eigenen Wunsch, mit ihm zusammenzukommen, und drängt Josie dazu, endlich aufzuhören, sich selbst aus seinem Leben zu streichen.

Das ist vermutlich Mais stärkster Moment.

Leider ist es auch einer ihrer wenigen wirklich starken Momente.

Mit mehr Laufzeit hätte man aus ihr eine deutlich interessantere Figur machen können. So bleibt sie eine gute Nebenfigur, deren eigenes Gefühlsleben der Film ungefähr so behandelt wie einen Koffer, der wegen Platzmangels leider nicht mehr ins Auto passt.


Das Bilderbuch ist der emotionale Höhepunkt

Die Szene, die für mich im Film am besten funktioniert hat, ist weder der erste Ausflug ans Meer noch eine besonders große romantische Geste.

Es ist Josies Bilderbuch.

Nachdem Tsuneo im Krankenhaus liegt und seinen eigenen Traum aufgeben möchte, erschafft Josie eine Geschichte über eine Meerjungfrau. Anschließend trägt sie diese in der Bibliothek vor – an dem Ort, an dem sie zuvor selbst einen Teil ihrer neuen Zukunft gefunden hat.

Natürlich richtet sich die Geschichte nicht nur an die anwesenden Kinder.

Sie richtet sich an Tsuneo.

Josie erzählt ihm darin auf ihre eigene Art, dass er nicht aufgeben darf. Sie kann seine Verletzung nicht rückgängig machen und ihm seinen Mut nicht einfach zurückgeben. Aber sie kann genau das für ihn tun, was er zuvor für sie getan hat:

Sie kann ihm zeigen, dass seine Welt noch nicht zu Ende ist.

Hier dreht der Film die bisherige Beziehung der beiden endgültig um.

Am Anfang wird Josie von Tsuneo nach draußen getragen. Nun ist sie diejenige, die ihn aus seinem inneren Stillstand herauszieht.

Und sie tut das nicht, indem sie plötzlich besonders vernünftig wird oder eine große Motivationsrede hält. Sie tut es mit dem, was schon immer ihr eigener Zugang zur Welt war: mit Bildern, Fantasie und Geschichten.

Diese Szenen haben für mich emotional am besten funktioniert, weil hier alles zusammenkommt, was der Film erzählen möchte.

Josies Entwicklung.

Tsuneos zerbrochener Traum.

Ihre gegenseitige Abhängigkeit.

Und die Idee, dass ein Mensch einem anderen nicht jede Last abnehmen kann, ihm aber trotzdem einen Grund geben kann, wieder selbst weiterzugehen.


Was möchte der Film eigentlich sagen?

Josie, der Tiger und die Fische erzählt nicht einfach nur, dass Liebe alle Probleme löst.

Zum Glück. Denn das wäre nicht nur kitschig, sondern auch ziemlich daneben.

Josies Behinderung verschwindet nicht, weil sie sich verliebt. Die Welt wird nicht automatisch barrierefrei. Menschen hören nicht plötzlich auf, sie anzustarren, und ein hübscher Student ersetzt weder Selbstständigkeit noch gesellschaftliche Teilhabe.

Die eigentliche Botschaft lautet eher:

Ein eingeschränktes Leben muss kein kleines Leben sein.

Viele Grenzen in Josies Alltag entstehen nicht ausschließlich durch ihren Körper, sondern durch eine Umwelt, die für Menschen wie sie häufig nicht mitgedacht wurde. Hinzu kommen die Ängste ihrer Großmutter und schließlich Josies eigene Angst, überhaupt etwas zu versuchen.

Der Film zeigt aber auch, dass Selbstständigkeit nicht bedeutet, niemals Hilfe zu benötigen.

Das ist vielleicht eine seiner wichtigsten Aussagen.

Menschen sind grundsätzlich voneinander abhängig. Manche Formen dieser Abhängigkeit sind nur sichtbarer als andere. Josie benötigt bei bestimmten Dingen körperliche Unterstützung. Tsuneo benötigt später emotionale Unterstützung. Beide geraten an einen Punkt, an dem sie ohne einen anderen Menschen nicht weiterkommen.

Hilfe macht sie deshalb nicht schwach.

Problematisch wird sie erst dann, wenn sie einem Menschen jede Entscheidung abnimmt.

Tsuneo öffnet Josie die Tür nach draußen. Hindurchgehen muss sie am Ende selbst.


Der Stoff ist deutlich älter als der Anime

Der Anime-Film entstand nicht als vollkommen neue Geschichte.

Die Grundlage ist eine Kurzgeschichte der japanischen Schriftstellerin Seiko Tanabe, die 1984 erstmals veröffentlicht wurde. Ein Jahr später erschien sie als Titelgeschichte einer Sammlung mit insgesamt neun Erzählungen.

Und wer nur den Anime kennt, könnte beim Original vermutlich kurz überprüfen wollen, ob er versehentlich das falsche Buch geöffnet hat.

Tanabes Geschichte ist erwachsener, härter und wesentlich weniger hoffnungsvoll. Die Beziehung zwischen Josie und Tsuneo ist dort stärker von körperlichem Begehren, Abhängigkeit, sozialer Unsicherheit und einem ziemlich bitteren Blick auf das Leben geprägt.

Der Anime nimmt diese Grundlage und baut daraus eine deutlich zugänglichere Jugendromanze.

Tsuneos Traum von der Meeresbiologie, Josies künstlerische Entwicklung, das Bilderbuch und mehrere Nebenfiguren gehören vor allem zur Anime-Fassung. Dadurch erhält die Geschichte eine klarere Dramaturgie und eine deutlich positivere Botschaft.

Zwischen Originalgeschichte und Anime lagen außerdem weitere Umsetzungen.

2003 erschien eine japanische Realverfilmung unter der Regie von Isshin Inudō. Diese gilt bis heute als besonders bekannte Adaption des Stoffes und bleibt dem erwachsenen, ambivalenten Ton der literarischen Vorlage näher.

2020 folgte zusätzlich der südkoreanische Realfilm Josée, der die Geschichte noch einmal in ein anderes kulturelles Umfeld übertrug.

Zur Anime-Version erschien außerdem ein zweibändiger Manga von Nao Emoto, der auch auf Deutsch erhältlich ist. Dabei handelt es sich allerdings um eine Umsetzung des Anime und nicht um eine direkte Manga-Adaption von Tanabes ursprünglicher Kurzgeschichte.

Es existiert also nicht die eine Version von Josie, der Tiger und die Fische.

Es existieren mehrere sehr unterschiedliche Interpretationen derselben Grundidee: Eine isoliert lebende Frau im Rollstuhl begegnet einem jungen Mann, und beide müssen herausfinden, ob Nähe ihnen Freiheit bringt oder eine neue Form der Abhängigkeit erzeugt.


Warum der Anime so gut ankam

International wurde der Film überwiegend sehr positiv aufgenommen.

Gelobt wurden vor allem die wunderschöne Animation, die Darstellung Osakas, die Musik von Evan Call und die emotionale Wärme der Geschichte. Studio Bones hat hier keinen Film produziert, der optisch nur irgendwie seinen Dienst erfüllt. Gerade die Stadt, das Meer und Josies Fantasiewelten besitzen eine Detailverliebtheit, durch die man stellenweise einfach gern im Bild bleiben möchte.

Auch die Musik trägt viel dazu bei. Sie drängt sich nicht ständig in den Vordergrund, sorgt aber zuverlässig dafür, dass das Herz weiß, wann es jetzt bitte etwas fühlen soll.

Und meistens gehorcht es.

Viele Zuschauer mögen außerdem, dass Josie nicht auf ihre Behinderung reduziert wird. Sie ist kreativ, stur, verletzend, lustig, eifersüchtig und manchmal schlicht anstrengend.

Also ein vollständiger Mensch.

Kritischer gesehen wurden dagegen die teilweise sehr konstruierte Dramaturgie, die verkürzte Entwicklung der Nebenfiguren und die Frage, ob der Film wirklich genug aus Josies Perspektive erzählt oder ihre Behinderung gelegentlich vor allem als emotionale Herausforderung für Tsuneo verwendet.

Und genau da liegt für mich ebenfalls die Schwäche des Films.

Er hat viele gute Gedanken, aber nicht genügend Zeit, um jeden davon wirklich auszuerzählen.


Das bekannte Anime-Film-Problem

Damit wären wir bei meinem üblichen Problem mit Anime-Filmen.

Sie sind kurz.

Ja, diese bahnbrechende Erkenntnis gibt es hier vollkommen kostenlos.

Josie, der Tiger und die Fische dauert ungefähr 98 Minuten. Das reicht, um die Geschichte verständlich zu erzählen. Es reicht aber nicht, um alle Beziehungen und Entwicklungen wirklich atmen zu lassen.

Josies Öffnung gegenüber Tsuneo funktioniert grundsätzlich, hätte aber mehr Zwischenschritte vertragen. Tsuneos beinahe grenzenlose Geduld wird kaum hinterfragt. Mai erhält zu wenig Raum. Der Unfall bringt plötzlich eine neue große Konfliktebene hinein, die anschließend ebenfalls relativ schnell verarbeitet werden muss.

Eine Anime-Serie mit zwölf Folgen hätte daraus vermutlich deutlich mehr machen können.

Man hätte Josies erste Ausflüge ausführlicher zeigen können. Ihre Rückschläge. Ihre wachsende Selbstständigkeit. Tsuneos Zweifel an seiner Rolle. Mais Gefühle. Das Verhältnis zur Großmutter. Den Alltag in einer Stadt, die nicht überall barrierefrei ist.

Stattdessen springt der Film von einem wichtigen Moment zum nächsten.

Das ist nicht schlimm genug, um die Geschichte kaputtzumachen. Aber es verhindert für mich, dass aus einem guten Film ein wirklich herausragender wird.


Mein Fazit: Schön, warm nur etwas zu kompakt verpackt

Josie, der Tiger und die Fische ist für mich kein Meisterwerk.

Aber er ist ein schöner Film.

Er erzählt eine warme Romanze über zwei Menschen, die einander dabei helfen, ihre selbst gesetzten und von außen auferlegten Grenzen zu überschreiten. Er zeigt eine Protagonistin mit Handicap nicht als heilige Leidensfigur, sondern als schwierigen, kreativen und manchmal ziemlich unfairen Menschen.

Josies Verhalten gegenüber Tsuneo war für mich gerade am Anfang schwer zu ertragen. Gleichzeitig konnte ich verstehen, woher ihre Härte kommt. Tsuneo wirkte auf mich gelegentlich etwas zu treudoof und geduldig, aber gerade seine Fähigkeit, über Josies fiese Neckereien hinwegzusehen, macht einen Teil der Dynamik zwischen ihnen aus.

Mai hätte wesentlich mehr Aufmerksamkeit verdient. Ihre kleinen Rivalitäten mit Josie waren amüsant, und ihr Auftritt gegen Ende zeigte, dass in ihr deutlich mehr steckt als nur die obligatorische zweite Frau im romantischen Dreieck.

Am stärksten funktionierte für mich aber Josies Bilderbuch.

In diesem Moment wird aus der Frau, die anfangs von Tsuneo in die Welt hinausgeführt werden musste, jemand, der ihn selbst zurück ins Leben holt.

Das ist schön erzählt.

Nicht perfekt. Nicht bahnbrechend. Aber ehrlich genug, um hängen zu bleiben.

Vielleicht bin ich für Anime-Filme einfach nicht gemacht. Vielleicht brauche ich zwölf Folgen, drei Missverständnisse, zwei Festivalepisoden und mindestens einen viel zu langen inneren Monolog, bevor ich bereit bin, eine Romanze vollständig zu akzeptieren.

Josie, der Tiger und die Fische bekommt seine Geschichte jedenfalls auch in 98 Minuten erzählt.

Ich hätte nur gern etwas mehr davon gehabt.