Es gibt Dinge unter Linux, die kann man technisch erklären.

Und dann gibt es Dinge, die kann man nur mit einem leicht glasigen Blick auf den Bildschirm beschreiben, während man innerlich denkt:

„Ich weiß nicht genau warum, aber irgendwas an dieser Oberfläche macht mich fertig.“

So geht es mir mit Cinnamon.

Und bevor jetzt jemand seinen Linux-Mint-Schrein aus Mahagoni aus dem Regal holt: Nein, Cinnamon ist nicht schlecht. Linux Mint ist nicht schlecht. Cinnamon funktioniert für viele Menschen richtig gut. Und das ist auch schön so.

Aber für mich?

Cinnamon fühlt sich an wie ein Wohnzimmer, in dem jemand moderne LED-Streifen an eine alte Schrankwand geklebt hat.

Nicht schlimm. Nicht kaputt. Aber mein Kopf steht davor und flüstert:

„Brudi, irgendwas stimmt hier nicht.“


Cinnamon und ich: keine Liebesgeschichte

Cinnamon hat mich von Anfang an abgeschreckt.

Nicht, weil es unbenutzbar wäre. Nicht, weil es hässlich sein muss. Man kann Cinnamon durchaus modern gestalten. Mit Themes, Icons, Panels, Applets und genug Geduld bekommt man da schon etwas Hübsches hin.

Aber das Grundgefühl bleibt bei mir schwierig.

Es wirkt für mich altbacken, will aber gleichzeitig modern und vertraut sein. Und genau diese Mischung macht mich irgendwie nervös.

Die Einstellungsmenüs fühlen sich für mich teilweise verwirrend an. Manchmal sogar gefühlt doppelt. Da ist irgendwo ein Menüpunkt, dann gibt es nochmal einen ähnlichen Punkt an einer anderen Stelle, dann gibt es Schalter, die nach Macht aussehen, aber am Ende nicht so viel bewirken, wie mein innerer Kontrollfreak gehofft hatte.

Und ja, vielleicht ist das unfair.

Aber Desktop-Gefühl ist nun mal nicht nur objektive Technik. Es ist auch ein Bauchgefühl.

Und mein Bauchgefühl sagt bei Cinnamon:

„Ich möchte bitte aus diesem Möbelhaus abgeholt werden.“


XFCE und LXQt sind alt — aber ehrlich alt

Das Lustige ist: XFCE und LXQt sind ja auch nicht gerade frisch aus dem UX-Spa gefallen.

Die sehen teilweise aus, als hätten sie ihre ersten Einstellungsmasken noch per ISDN-Modem hochgeladen.

Aber sie nerven mich weniger.

Warum?

Weil sie ehrlich sind.

XFCE und LXQt kommen nicht rein und sagen:

„Hallo, ich bin dein moderner, eleganter Desktop der Zukunft.“

Die sagen eher:

„Brudi, ich bin alt. Ich bin schlank. Ich bin schnell. Mein Einstellungsmenü riecht nach Anfang 2000, aber dafür ziehe ich dir beim Öffnen von Thunar nicht den halben Arbeitsspeicher aus der Hose.“

Und damit kann ich leben.

Das ist wie ein alter Werkstattwagen. Der glänzt nicht wie ein Tesla-Showroom, aber wenn du eine Schublade aufziehst, liegt da ein Schraubenschlüssel. Kein Abo. Kein Cloud-Zwang. Kein „Wir haben dein Werkzeug neu gedacht“.

Einfach Schraubenschlüssel.

Bei XFCE und LXQt weiß ich, woran ich bin. Die wollen nicht mehr sein, als sie sind. Und genau das macht sie mir sympathischer.

Cinnamon dagegen fühlt sich für mich an wie:

„Ich bin modern, aber vertraut, aber klassisch, aber auch komfortabel, aber hier sind 14 Schalter, die irgendwie alle fast das Gleiche machen.“

Und mein Kopf so:

„Nein.“


GNOME und Cosmic: weniger Optionen, mehr Haltung

GNOME mochte ich dagegen von Anfang an ziemlich gern.

Was rückblickend eigentlich lustig ist, weil GNOME ja oft kritisiert wird, weil es einem weniger Freiheit gibt. Weniger sichtbare Optionen. Weniger klassisches Desktop-Gefühl. Weniger „hier kannst du alles einstellen“.

Aber genau das war wahrscheinlich der Punkt.

GNOME hat eine klare Haltung.

Nicht:

„Hier sind 900 Optionen, bau dir deinen Desktop selbst und viel Glück im Einstellungs-Labyrinth.“

Sondern eher:

„So funktioniert dein Arbeitsplatz. Workspaces hier. Aktivitäten da. Weniger Kram auf dem Bildschirm. Beweg dich drin.“

Und das hat meinen Kopf entspannt.

Nicht, weil ich nichts ändern will. Das wäre gelogen. Ich habe mittlerweile genug Config-Dateien angefasst, um offiziell als Gefahr für mich selbst zu gelten.

Aber GNOME fühlt sich nicht halbgar an. Es hat eine Idee. Man kann diese Idee mögen oder nicht. Aber sie ist da.

Cosmic hat für mich etwas Ähnliches. Modern, klar, aufgeräumt, mit Tiling-Gedanken, aber nicht direkt so, dass man sich fühlt, als müsste man vor dem ersten Login eine philosophische Abhandlung über Fensterverwaltung schreiben.

GNOME und Cosmic fühlten sich für mich nicht wie alte Desktops mit frischem Lack an.

Sie fühlten sich nach einem Arbeitsplatz mit Richtung an.


KDE: Erst Windows-Schreck, dann Lego-Baukasten

KDE war bei mir anfangs schwierig.

Ich sah diese klassische Taskleiste, Startmenü-artige Struktur, Tray rechts, Fenster hier, Fenster da — und mein Kopf dachte sofort:

„Ah. Windows mit Pinguinmütze.“

Und weil ich zu dem Zeitpunkt vermutlich allergisch auf alles war, was auch nur entfernt nach Windows roch, war KDE erstmal raus.

Aber dann habe ich KDE später nochmal angeschaut.

Und da passierte etwas.

Ich merkte:

KDE ist gar nicht wirklich Windows-like. KDE ist eher ein riesiger Lego-Technic-Kasten, der ab Werk zufällig wie Windows aufgebaut wurde, damit normale Menschen nicht weinend vom Stuhl fallen.

Das ist ein Unterschied.

Denn bei KDE sind die Schalter nicht nur Deko. Viele davon bewirken wirklich etwas. Man kann Panels verschieben, Workflows umbauen, Shortcuts setzen, Fensterregeln bauen, Themes ändern, Effekte einstellen und plötzlich merkt man:

„Moment. Das ist gar kein Fertigdesktop. Das ist ein Baukasten mit sehr vielen kleinen Teilen, die man besser nicht alle gleichzeitig auf dem Teppich ausschüttet.“

KDE kann erschlagen.

Aber KDE lügt nicht.

Es sagt ziemlich offen:

„Ich habe sehr viele Optionen. Viel Spaß. Und pass auf, dass du dich nicht selbst vergräbst.“

Das respektiere ich.


Hyprland und Noctalia: Kontrolle statt Ausgeliefertsein

Und dann kam Hyprland.

Zusammen mit Noctalia.

Und plötzlich hat mein Kopf etwas gemacht, was bei Linux selten vorkommt:

Er wurde ruhiger.

Nicht, weil Hyprland objektiv einfacher wäre. Ganz sicher nicht. Wer Hyprland als „einfach“ bezeichnet, hat vermutlich auch schon mal einen Kernel kompiliert und dabei gesagt:

„Ach, nur kurz.“

Aber Hyprland fühlt sich für mich logisch an.

Eine Config. Okay, bei mir mittlerweile mehrere gesplittete Config-Dateien, weil ich natürlich nicht einfach normal bleiben kann. Aber trotzdem: Ich weiß, wo was steht.

Keybinds? Da.
Fensterregeln? Da.
Autostart? Da.
Monitor? Da.
Noctalia? Eigener Bereich.
Irgendwas brennt? Dann weiß ich wenigstens, in welchem Regal der Feuerlöscher steht.

Das ist für mich beruhigend.

Bei manchen Desktop-Umgebungen habe ich das Gefühl, ich suche in einem Menü nach einer Option und hoffe, dass sie irgendwo existiert.

Bei Hyprland denke ich eher:

„Ich weiß, dass es irgendwo in meiner Config steht. Und wenn nicht, schreibe ich es da rein.“

Das ist nicht unbedingt bequemer.

Aber es fühlt sich weniger nach Ausgeliefertsein an.

Und das ist bei mir offenbar ein ziemlich großer Punkt.


Tiling hat mich erwischt

Früher hätte ich wahrscheinlich gesagt:

„Tiling? Brauch ich nicht. Ich kann meine Fenster auch selbst rumschieben.“

Ja. Klar.

Und ich kann meine Wäsche auch mit der Hand im Fluss waschen. Heißt nicht, dass es eine gute Idee ist.

Nach einer Weile mit Hyprland hat sich klassisches Floating plötzlich komisch angefühlt. Als hätten meine Fenster keine Erziehung genossen.

Da öffnet sich eins links oben, eins halb über dem anderen, eins irgendwo in der Mitte, und mein Kopf sitzt davor wie ein überforderter Lagerist vor einer Palette, auf der jemand Druckerpapier, Ölkanister und Anime-Figuren ohne System gestapelt hat.

Tiling sortiert.

Tiling sagt:

„Keine Sorge, ich stelle das erstmal ordentlich hin.“

Und ja, manchmal will man Floating. Manchmal braucht man Floating. Kleine Fenster, Dialoge, Bildbearbeitung, Tools, irgendwas.

Aber als Grundgefühl?

Tiling hat mich abgeholt.


Sway, Niri und warum Hyprland gerade besser passt

Sway finde ich richtig stark.

Sauber, logisch, ruhig. Wayland-i3-Energie. Das Ding fühlt sich an wie ein gut geschliffenes Werkzeug.

Aber auf Dauer strengt es meinen Kopf mehr an.

Nicht schlimm. Nur eben mehr Fokus, mehr Disziplin, mehr „du arbeitest jetzt im Tiling-Kloster“.

Niri finde ich ebenfalls mega interessant. Dieses Scrolling-Konzept hat richtig Charme. Es fühlt sich modern und anders an, ohne komplett bescheuert zu sein.

Aber manchmal will ich keinen Scrolling-Workflow.

Manchmal will ich klassisches Tiling.
Manchmal will ich Floating.
Manchmal will ich ein bisschen Chaos, aber bitte in hübsch.
Manchmal will ich einfach nur, dass meine Fenster sich benehmen und nicht aussehen, als hätte jemand sie mit einer Schneeschaufel auf den Bildschirm geworfen.

Und da passt Hyprland für mich gerade am besten.

Hyprland gibt mir Wahl.

Es zwingt mich nicht in genau eine Idee. Es lässt mich je nach Stimmung und Aufgabe anders arbeiten. Und genau das ist für meinen Kopf offenbar die richtige Mischung.

Sway ist stark.
Niri ist spannend.
Hyprland ist mein aktueller Werkzeugkasten mit Glitzerkante.


MangoWC und NVIDIA: ein Kapitel aus Schmerzen

MangoWC wollte ich auch testen.

Konnte ich aber nicht richtig, weil NVIDIA bei mir wieder NVIDIA-Dinge getan hat.

Mehr muss man dazu eigentlich nicht sagen.

Es gibt Momente unter Linux, da liest du eine Fehlermeldung, siehst das Wort NVIDIA und denkst:

„Alles klar. Heute also kein Frieden.“

Irgendwann teste ich es vielleicht nochmal.

Aber nicht heute.

Heute möchte ich leben.


Es geht nicht um besser oder schlechter

Das Wichtigste an der ganzen Sache:

Ich finde es gut, dass es all diese Desktop-Umgebungen gibt.

Wirklich.

Cinnamon funktioniert für viele Menschen wunderbar. Linux Mint ist für viele wahrscheinlich genau das System, das ihnen den Weg weg von Windows erleichtert. Und das ist wertvoll.

XFCE und LXQt halten alte Hardware am Leben und sind ehrlich genug, nicht so zu tun, als wären sie der neue heiße Scheiß aus einem Designlabor in Raumduft-Optik.

GNOME und Cosmic geben einem moderne, klare Workflows.

KDE ist ein Baukasten für Menschen, die gerne aus Versehen drei Panels bauen und danach behaupten, das sei Absicht gewesen.

Hyprland, Sway, Niri und Co. sind für die Leute, die irgendwann gemerkt haben:

„Vielleicht möchte ich mein Fensterverhalten doch wie ein leicht gestörter Architekt planen.“

Und das ist okay.

Nicht jeder mag das Gleiche.

Nicht jeder Kopf funktioniert gleich.

Manche brauchen Vertrautheit.
Manche brauchen Minimalismus.
Manche brauchen Schönheit.
Manche brauchen Kontrolle.
Manche brauchen einfach einen Desktop, der morgens aufgeht, Kaffee trinkt und nicht diskutiert.


Mein eigentlicher Punkt

Ich glaube, bei mir geht es nicht darum, ob ein Desktop alt oder modern ist.

Es geht darum, ob er sich ehrlich anfühlt.

XFCE ist alt, aber ehrlich.
LXQt ist schlicht, aber ehrlich.
KDE ist viel, aber ehrlich mächtig.
GNOME ist reduziert, aber mit Haltung.
Hyprland ist nerdig, aber direkt.

Cinnamon fühlt sich für mich dagegen wie eine Zwischenwelt an.

Nicht alt genug, um charmant alt zu sein.
Nicht modern genug, um mich wirklich abzuholen.
Nicht frei genug, um mich zu beruhigen.
Nicht geführt genug, um mich zu entspannen.

Und ja, das ist subjektiv.

Aber Desktop-Umgebungen sind nun mal subjektiv.

Am Ende sitzt nicht irgendein Benchmark vor dem Bildschirm.

Sondern ich.

Mit Kaffee.
Mit zu vielen Gedanken.
Mit einem leichten Hang zur Config-Eskalation.
Und mit Fenstern, die sich bitte benehmen sollen.