Ich habe ein Problem.
Also nicht so ein echtes Problem. Kein „Die Waschmaschine brennt“-Problem. Kein „Das Finanzamt möchte mit mir sprechen“-Problem. Nicht einmal ein „NVIDIA hat nach dem Update beschlossen, dass Bildschirmausgabe überbewertet ist“-Problem.
Nein.
Mein Problem ist viel schlimmer:
Kubuntu funktioniert.
Und zwar seit inzwischen fast zehn Wochen.
Für normale Menschen klingt das vermutlich positiv. Für einen Distrohopper ist das allerdings ungefähr so beruhigend wie ein dauerhaft stilles Kinderzimmer. Irgendwas muss doch passiert sein. Irgendwo muss ein Fehler lauern. Irgendeine Paketquelle muss heimlich versuchen, meine Existenz zu ruinieren.
Aber nein.
Kubuntu sitzt einfach da. Startet. Arbeitet. Aktualisiert sich. Erkennt meine Hardware. Lässt mich meine Projekte bauen. Und hat nicht einmal den Anstand, dabei spektakulär auseinanderzufallen.
Unverschämtheit.
Die Suche nach dem nächsten Problem
Seit ungefähr drei Wochen suche ich aktiv nach einem rationalen Grund, Kubuntu loszuwerden.
Nicht, weil es schlecht wäre.
Das wäre ja zu einfach.
Nein, ich suche einen Grund, weil andere Distributionen selbstverständlich interessanter aussehen, solange man sie gerade nicht täglich benutzen muss.
Fedora KDE winkt mir mit aktuellen Paketen, Offline-Updates und diesem angenehm modernen Gefühl zu.
Debian steht irgendwo im Hintergrund, verschränkt die Arme und sagt:
Ich war schon hier, bevor deine Lieblingsdistribution ein Gedanke war.
KaOS sitzt derweil in der Ecke, trägt Niri, Noctalia und Dinit, sieht dabei unverschämt modern aus und tut so, als wäre systemd nur eine schlechte Phase gewesen, über die später niemand mehr reden möchte.
Und Windows 11? Windows 11 steht plötzlich wieder in meiner Werkstatt, hält Codex hoch und sagt:
Guck mal, du kannst hier tatsächlich arbeiten.
Es ist ein merkwürdiges Betriebssystem-Multiversum.
Und mitten drin sitzt Kubuntu.
Unbeeindruckt.
Fedora wäre schon ziemlich sexy
Fedora KDE gefällt mir inzwischen wirklich gut.
Aktuelle Software, modernes Desktop-Konzept, saubere GUI-Updates, Podman, Cockpit, Flatpak, Wayland – technisch wirkt das alles verdammt rund.
Fedora hat dieses Gefühl von:
Wir bauen gerade den Linux-Desktop von morgen.
Kubuntu wirkt dagegen manchmal eher wie:
Wir bauen den Linux-Desktop, auf dem du morgen auch noch arbeiten kannst.
Beides hat etwas.
Nur leider habe ich beim Nachdenken über einen Wechsel immer wieder denselben Fehler gemacht: Ich habe die Vorteile von Fedora mit den Nachteilen verglichen, die Kubuntu in meiner Fantasie irgendwann vielleicht einmal haben könnte.
Das ist ungefähr so fair wie:
Mein aktuelles Auto fährt problemlos, aber das andere hat schönere Rückleuchten und könnte möglicherweise irgendwann weniger klappern.
Fedora wäre spannend. Aber spannend ist nicht automatisch nötig.
Verdammt.
Debian wäre vernünftig
Debian wäre die erwachsene Entscheidung.
Debian ist ruhig, stabil, unabhängig und wirkt, als würde es seine Steuererklärung drei Wochen vor Fristende abgeben.
Ich könnte Debian installieren, KDE daraufsetzen und dann für Jahre in tektonischer Ruhe leben.
Zumindest theoretisch.
In der Praxis würde ich vermutlich nach zwei Tagen prüfen, wie aktuell Plasma in Testing ist, danach Sid anschauen, anschließend Backports aktivieren und irgendwann aus Versehen wieder ein halbes Rolling Release bauen.
Debian wäre nicht das Problem.
Ich wäre das Problem.
Debian bewegt sich langsam, aber konstant. Wie tektonische Platten. Währenddessen stehe ich daneben und frage alle zehn Minuten:
Ist das Gebirge jetzt fertig?
Wahrscheinlich bin ich für Debian noch nicht reif genug.
Irgendwann vielleicht.
Wenn ich innerlich 73 bin.
KaOS war besonders gefährlich
KaOS war für kurze Zeit mein größter Wechselgrund.
Nicht, weil es praktischer als Kubuntu wäre. Das ist es aktuell nicht.
Die Paketquellen sind klein, manche Programme fehlen, Gaming-Kram muss teilweise über Flatpak kommen und insgesamt ist KaOS deutlich spezieller.
Aber KaOS hatte etwas, das Kubuntu nicht hatte:
Niri. Noctalia. Scrolling Tiling. Transparenz. Blur. Modernes Zeug.
KaOS sah aus, als hätte sich ein Cyberpunk-Anime mit einem Linux-Desktop fortgepflanzt.
Also bootete ich immer häufiger KaOS.
Nicht zum Arbeiten. Nur zum Gucken.
Zum Herumspielen.
Zum Fenster-Schubsen.
Zum bewundernden Nicken.
Und irgendwann dachte ich:
Moment. Was genau fehlt mir eigentlich an Kubuntu?
Die Antwort war überraschend simpel:
Nicht das System.
Nur das Gefühl.
Also habe ich KDE hell gemacht, Transparenz eingebaut, Blur angeschaltet und mir ein eigenes KWin-Script für Scrolling Tiling gebastelt.
Es heißt natürlich:
Kiru-Scrolltil.
Ein Name, der gleichzeitig nach seriösem Open-Source-Projekt und nach einem Gerät aus dem Teleshopping klingt.
Seitdem scrollt KDE durch Fenster, Kubuntu sieht plötzlich luftig und modern aus und KaOS hat seinen wichtigsten taktischen Vorteil verloren.
KaOS musste gar nicht mein Daily Driver werden.
Es musste mir nur zeigen, was meinem Kubuntu gefehlt hat.
Frech.
Dann kam auch noch Codex
Ein weiterer möglicher Wechselgrund war die Codex-App.
Unter Windows lief sie angenehm. Wirklich angenehm.
Links Auftrag eingeben, rechts Vorschau anschauen, Dateien ändern lassen, weiterarbeiten. Genau die Sorte Workflow, bei der man nach drei Stunden merkt, dass man seit dem Frühstück nichts gegessen hat.
Unter Linux gab es die offizielle Desktop-App nicht.
Das war kurz gefährlich für Kubuntu.
Dann kam die Community.
Natürlich kam die Community.
Ein paar Befehle später lief die Codex-GUI unter Kubuntu. Dann bekam sie ein eigenes Icon. Danach einen Launcher. Inzwischen startet sie wie jede andere Anwendung.
Der Windows-Vorteil hielt ungefähr so lange wie ein Eiswürfel im Hochofen.
Ich hatte wieder keinen Wechselgrund.
Kubuntu macht leider alles
Das eigentliche Problem ist: Kubuntu deckt meinen Alltag ziemlich vollständig ab.
Ich kann damit:
- schreiben
- Webprojekte bauen
- Codex nutzen
- spielen
- Medien konsumieren
- Docker und Distrobox verwenden
- Snapshots anlegen
- mit Btrfs arbeiten
- auf andere Systeme zugreifen
- KDE bis zur Unkenntlichkeit verbiegen
- Dinge reparieren, die vorher gar nicht kaputt waren
Meine Hardware läuft.
Meine RTX 4070 läuft.
Mein Ultrawide läuft.
Audio läuft.
Gaming läuft.
Die Paketquellen sind groß.
Anleitungen gibt es für fast jedes Problem.
Und falls wirklich etwas schiefgeht, habe ich Snapper.
Was soll ich denn da wechseln?
Weil Fedora drei Pakete neuer ist?
Weil Debian innerlich würdevoller wirkt?
Weil KaOS einen hübscheren Login-Screen hat?
Das sind alles gute Gründe, Systeme zu testen. Aber keine guten Gründe, ein funktionierendes Hauptsystem zu ersetzen.
Vielleicht ist das Distrohopping gar nicht vorbei
Früher dachte ich, Distrohopping endet so:
Man findet irgendwann die perfekte Distribution, lehnt sich zurück und verspürt nie wieder den Wunsch, etwas anderes zu installieren.
Das ist natürlich Unsinn.
Es gibt keine perfekte Distribution.
Und ich werde vermutlich immer neugierig bleiben.
Ich werde Fedora testen.
Ich werde Debian anschauen.
Ich werde KaOS weiter umbauen, bis es entweder perfekt oder unbootbar ist. So wie ich mich kenne, eher letzteres!
Und wahrscheinlich werde ich auch weiterhin irgendwelche obskuren ISO-Dateien herunterladen, bei denen schon die Website aussieht, als hätte sie zuletzt 2007 ein Update bekommen.
Aber vielleicht bedeutet das Ende des Distrohoppings gar nicht, dass man keine anderen Systeme mehr spannend findet.
Vielleicht bedeutet es nur:
Man hört auf, das funktionierende Hauptsystem jedes Mal zu ersetzen, nur weil irgendwo ein anderer Pinguin schöner glänzt.
Man kann Ideen mitnehmen.
Man kann Workflows übernehmen.
Man kann sich inspirieren lassen.
Und dann wieder nach Hause gehen.
Kubuntu bleibt. Vorerst.
Kubuntu 26.04 LTS gibt mir drei Jahre Ruhe, wenn ich sie haben möchte.
Drei Jahre ohne großen Upgrade-Stress.
Drei Jahre, in denen ich einfach arbeiten könnte.
Das ist vermutlich genau der Punkt, der mich nervös macht.
Ein funktionierendes System lässt einem keine Ausrede mehr.
Wenn nichts kaputt ist, kann ich nicht stundenlang reparieren.
Dann müsste ich ja tatsächlich meine Projekte fertigstellen.
Gedankenbrei schreiben.
Animavel bauen.
Hybruntalia weiterentwickeln.
Unfassbar, was sich Kubuntu da erlaubt.
Also ja:
Ich liebäugle weiterhin mit Fedora.
Ich denke an Debian.
Ich spiele mit KaOS.
Ich arbeite gelegentlich sogar freiwillig unter Windows.
Und am Ende boote ich trotzdem wieder Kubuntu.
Nicht weil es aufregend ist.
Nicht weil es objektiv die beste Distribution der Welt wäre.
Sondern weil es gerade genau das macht, was ein Betriebssystem machen sollte:
Es steht mir nicht im Weg.
Und vielleicht ist das nach all den Monaten Distrohopping tatsächlich das höchste Lob, das ich einem System geben kann.
Ich suche seit drei Wochen einen Grund, Kubuntu zu verlassen.
Aber Kubuntu weigert sich hartnäckig, mir einen zu liefern.
Das ist schon fast persönlich.