Attack on Titan ist groß. Nur nicht für mich

Es gibt Anime, bei denen fühlt man sich fast verpflichtet, sie gut zu finden.

Nicht offiziell natürlich. Niemand steht mit einer Umfrage vor der Tür und fragt: „Haben Sie Attack on Titan bereits als Meisterwerk anerkannt?“ Aber innerlich gibt es diesen kleinen Anime-TÜV, der einem irgendwann ins Ohr flüstert:

„Bruder, das ist doch wichtig. Das musst du doch fühlen.“

Und genau da wird es unangenehm.

Denn ich habe Attack on Titan angefangen.

Ich fand es interessant.

Ich sah die Mauern, die Titanen, die Panik, die Musik, die große Inszenierung, dieses ganze „Menschheit steht am Abgrund und der Abgrund hat Zähne“-Ding.

Und trotzdem saß ich irgendwann davor und merkte:

Es hält mich nicht.

Nicht aus Trotz. Nicht, weil ich edgy dagegen sein wollte. Nicht, weil ich keine Action mag oder große Momente nicht zu schätzen weiß.

Es hat mich einfach emotional nicht gepackt.

Und das ist bei einem Anime wie Attack on Titan fast schon frech vom eigenen Herzen.


Vielleicht hätte ich weiter schauen sollen

Natürlich kann man jetzt sagen:

„Du hättest bis Staffel zwei weiterschauen müssen.“

Vielleicht stimmt das sogar.

Attack on Titan ist bekannt dafür, dass es sich später stark verändert. Aus dem anfänglichen „Menschen gegen Titanen“-Setup wird irgendwann deutlich mehr: Politik, Geschichte, Krieg, Propaganda, Schuld, Freiheit, Täterrollen, Opferrollen und dieser ganze moralische Betonmischer, der einem irgendwann die Seele tapeziert.

Ich weiß das.

Ich verstehe auch, warum viele sagen, dass Attack on Titan erst später so richtig zeigt, was es eigentlich will.

Aber da kommt mein Problem:

Ein Anime muss mich nicht in Folge eins komplett heiraten. Aber er muss mir irgendeinen Grund geben, weiter im Raum zu bleiben.

Und bei Attack on Titan war dieser Grund bei mir nicht stark genug.

Ich war interessiert.

Aber nicht verbunden.

Das ist ein Unterschied.

Interesse sagt:

„Okay, spannend gebaut.“

Verbindung sagt:

„Mist. Ich muss wissen, was mit diesen Figuren passiert.“

Und genau diese Verbindung kam bei mir nicht.


Die Riesen waren nicht mein Ding

Ich glaube, ein Teil davon liegt wirklich an den Titanen selbst.

Diese Riesen haben bei mir nie so richtig funktioniert.

Und ja, ich weiß: Gerade dieses Unheimliche, Nackte, Verzerrte, Menschliche-und-doch-nicht-Menschliche ist ein großer Teil des Horrors. Die Titanen sollen unangenehm sein. Sie sollen falsch wirken. Sie sollen nicht cool sein wie ein Drache oder elegant wie ein Dämon mit Mantel und Trauma-Frisur.

Sie sollen eher aussehen wie ein Albtraum, der vergessen hat, wie Menschen funktionieren.

Mission erfüllt.

Vielleicht zu gut.

Bei mir war es weniger:

„Oh Gott, wie schrecklich.“

Und mehr:

„Hm. Ich möchte das irgendwie nicht dauerhaft anschauen.“

Das klingt banal, ist aber wichtig. Design entscheidet oft darüber, ob man in einer Welt bleiben will. Und Attack on Titan hat für mich optisch und atmosphärisch eine Wand gebaut, die nicht nur die Figuren eingeschlossen hat, sondern mich ein bisschen draußen gelassen hat.

Ich konnte respektieren, was es macht.

Aber ich wollte nicht wirklich rein.


Es liegt nicht daran, dass ich keine Härte mag

Das wäre die einfache Erklärung:

„Kiru mag halt keine düsteren Action-Anime.“

Nur leider falsch.

Mein Lieblingsanime ist 86.

Und 86 ist jetzt auch nicht gerade ein flauschiger Teeabend mit kleinen Katzen und leichter Hintergrundmusik. 86 handelt von Krieg, Entmenschlichung, Militär, Trauma, Ausgrenzung, Schuld, Überleben und jungen Menschen, die von einem System verheizt werden, während andere bequem so tun, als wäre das alles weit weg.

Also nein.

Ich habe kein Problem mit schweren Themen.

Ich habe kein Problem mit Action.

Ich habe kein Problem mit Schmerz in Anime.

Ich habe offenbar nur sehr genaue emotionale Steckdosen.

Und Attack on Titan hatte bei mir nicht den richtigen Stecker.

86 dagegen schon.

Vielleicht, weil 86 für mich schneller emotional an Figuren hängt. Vielleicht, weil die Distanz zwischen Front und sicherem Innenraum sofort menschlicher greifbar war. Vielleicht, weil diese kalte, bürokratische Grausamkeit in 86 bei mir direkter getroffen hat als riesige Körper, die Mauern einrennen.

Bei Attack on Titan sah ich den Schrecken.

Bei 86 fühlte ich ihn.

Und ja, das ist subjektiv.

Aber Anime ist nun mal kein Excel-Test.


86 und Attack on Titan sind nicht gleich, aber sie berühren ähnliche Nerven

Von der Grundidee her sind Attack on Titan und 86 nicht identisch, aber sie wohnen zumindest im selben düsteren Stadtteil.

Beide haben eine Gesellschaft, die sich hinter einer Grenze sicher fühlt.

Bei Attack on Titan sind es Mauern.

Bei 86 ist es eine Republik, die ihren Krieg auslagert und Menschen zu Nummern macht.

Beide Serien arbeiten mit Feindbildern. Mit Angst. Mit jungen Menschen, die in Systeme geworfen werden, die viel älter und hässlicher sind als sie selbst. Beide fragen irgendwann: Wer gilt eigentlich als Mensch? Wer darf geschützt werden? Wer wird geopfert, damit andere nachts schlafen können?

Aber 86 hat mich dabei emotional viel direkter erwischt.

Vielleicht, weil die Monster dort nicht nur draußen stehen.

Sie sitzen auch in Formularen, Uniformen, Stimmen aus dem Funkgerät und in einer Gesellschaft, die gelernt hat, Grausamkeit in Verwaltungssprache zu verpacken.

Das ist für mich schlimmer.

Ein Titan, der Menschen frisst, ist Horror.

Ein System, das Menschen erst entmenschlicht und dann sauber in den Krieg schickt, ist Alltagshorror mit Aktenordner.

Und offenbar reagiert mein Kopf darauf stärker.


Kabaneri hat mich mehr abgeholt. Frech, aber wahr.

Und dann ist da noch Kabaneri of the Iron Fortress.

Ja, ich weiß.

Wenn man das in manchen Anime-Räumen sagt, hört man irgendwo einen Attack-on-Titan-Fan leise einen Stuhl zurechtrücken.

Aber ich bleibe dabei:

Kabaneri hat mich schneller gepackt.

Vielleicht nicht als perfekteres Werk. Wahrscheinlich nicht mal als tieferes. Aber als Erlebnis? Für mich ja.

Kabaneri hat diese Steampunk-Zugfestung, diese Kabane-Bedrohung, diese dreckige Bewegung, diesen direkten Überlebensdruck, aber für mich wirkte es zugänglicher. Kompakter. Greifbarer. Emotional schneller auf Temperatur.

Und lustigerweise ist Kabaneri produktionstechnisch wirklich nah an Attack on Titan: Wit Studio, Tetsurō Araki, Hiroyuki Sawano. Da ist also durchaus dieselbe Art von Adrenalin-Maschine im Hintergrund unterwegs.

Vielleicht war genau das der Punkt.

Kabaneri war für mich wie:

„Hier ist die große, laute, dramatische Überlebensnummer, aber bitte direkt in einem Zug, mit klarerem emotionalem Griff und weniger Riesen-Albtraumhaut.“

Attack on Titan wollte mich in eine riesige Welt ziehen.

Kabaneri hat mich einfach am Kragen gepackt und in den Zug geworfen.

Manchmal reicht das.


Ich verstehe trotzdem, warum Attack on Titan gefeiert wird

Das ist mir wichtig.

Ich halte Attack on Titan nicht für schlecht.

Nicht mal ansatzweise.

Man merkt der Serie an, dass sie groß denkt. Dass sie nicht einfach bei „Monster greifen Stadt an“ stehen bleiben will. Dass sie ihre eigene Prämisse aufbricht und später deutlich unangenehmere Fragen stellt.

Attack on Titan ist nicht nur Action.

Es ist nicht nur Schock.

Es ist nicht nur „große Menschen fressen kleine Menschen und alle schreien mit sehr guter Musik“.

Die Serie hat Fallhöhe. Struktur. Mystery. Eskalation. Und offenbar eine Wucht, die viele Menschen über Jahre nicht losgelassen hat.

Das respektiere ich.

Aber Respekt ist nicht dasselbe wie Liebe.

Ich kann vor einem riesigen, beeindruckenden Gebäude stehen und sagen:

„Krass gebaut.“

Und trotzdem nicht einziehen wollen.

Genau so fühlt sich Attack on Titan für mich an.


Manchmal ist ein großer Anime einfach nicht mein Anime

Das ist vielleicht die eigentliche Erkenntnis.

Nicht jeder wichtige Anime muss mich persönlich erwischen.

Und das ist okay.

Es gibt diese seltsame Erwartung, dass man bestimmte Werke mögen muss, wenn man Anime ernst nimmt. Attack on Titan gehört für viele in diese Kategorie. So ein moderner Pflichtkoloss. Wer Anime schaut, muss dazu angeblich irgendeine große Meinung haben.

Meisterwerk.

Überbewertet.

Bestes Ending.

Schlechtestes Ending.

Eren genial.

Eren kaputtgeschrieben.

Mappa besser.

Wit besser.

Alle schreien, niemand trinkt Wasser.

Ich stehe eher daneben und sage:

„Ich glaube euch, dass das wichtig ist. Ich glaube nur nicht, dass es für mich wichtig ist.“

Und das klingt vielleicht härter, als es gemeint ist.

Aber es ist ehrlich.

Attack on Titan hat bei mir nicht versagt, weil es objektiv schlecht wäre.

Es hat nur die falsche Tür in meinem Kopf gesucht.


Vielleicht wäre es heute anders

Ein kleiner Teil von mir fragt sich natürlich:

„Was wäre, wenn ich es heute nochmal versuchen würde?“

Vielleicht hätte ich inzwischen mehr Geduld für den Aufbau. Vielleicht würde ich die späteren Themen stärker schätzen. Vielleicht würde mich der politische Teil mehr packen als damals der Titanen-Horror. Vielleicht würde ich heute anders auf Eren, Reiner, Armin, Mikasa und diese ganze kaputte Welt reagieren.

Vielleicht.

Aber ehrlich?

Ich glaube nicht.

Nicht, weil ich stur bin. Also gut, ein bisschen bin ich stur. Aber nicht nur deswegen.

Ich kenne inzwischen ziemlich gut, welche Anime mich emotional finden. 86 hat das geschafft. Manche Romance- oder Slice-of-Life-Serien schaffen das mit einem Blick aus dem Fenster und drei Sekunden Klavier. Kabaneri hat mich mehr gepackt, obwohl es auf dem Papier vielleicht weniger „groß“ ist.

Attack on Titan blieb für mich eher ein Werk, das ich anerkenne, aber nicht fühle.

Und das ist eine ziemlich klare Antwort.

Nicht dramatisch.

Nicht endgültig in Stein gemeißelt.

Aber klar genug, um nicht so zu tun, als müsste ich mich durch mehrere Staffeln kämpfen, nur damit mein Anime-Lebenslauf vollständiger aussieht.


Mein Fazit: Respekt ja, Liebe nein

Attack on Titan ist wahrscheinlich einer der großen Anime unserer Zeit.

Nicht, weil jeder ihn mögen muss.

Sondern weil er groß genug war, um Debatten auszulösen, Menschen zu begeistern, Menschen zu enttäuschen, Leute über Moral, Krieg, Freiheit und Schuld streiten zu lassen und nebenbei eine ganze Generation Anime-Zuschauer mit Mauern, Kellern und sehr unangenehmen Riesen zu traumatisieren.

Das ist Leistung.

Aber für mich persönlich?

Es hat nicht geklickt.

Ich verstehe, warum Attack on Titan gefeiert wird.

Ich verstehe, warum Leute sagen, man müsse weiter schauen.

Ich verstehe, warum das Werk für viele wichtig ist.

Aber mein Herz stand irgendwann mit Jacke an der Tür und meinte:

„Kiru, wir gehen. Die Riesen sind nicht unsere Baustelle.“

Und manchmal ist das die ehrlichste Form von Anime-Meinung.

Nicht jeder große Titel muss einen mitnehmen.

Manchmal reicht es zu sagen:

„Ich sehe, was du bist. Aber du bist nicht meins.“