CentOS und der kostenlose Brötchenkorb

Manchmal denke ich, die Linux-Welt hat ein sehr spezielles Verhältnis zu Unternehmen.

Auf der einen Seite wollen wir moderne Desktops, gute Treiber, Sicherheitsupdates, Container-Kram, Wayland, PipeWire, GNOME, KDE, Kernel-Arbeit, QA, Dokumentation, langfristige Pflege und am besten noch Enterprise-Stabilität mit zehn Jahren Ruhepuls.

Auf der anderen Seite fällt irgendwo das Wort „Geschäftsmodell“ und sofort rennt jemand mit brennender Tux-Fackel durchs Forum.

„Verrat an Open Source!“

„Das ist ja wie Windows!“

„Früher war alles freier!“

„Unternehmen böse, Community gut!“

Ja.

Und irgendwo im Hintergrund sitzt ein Entwickler, trinkt kalten Kaffee und fragt sich vermutlich, ob GitHub-Sternchen inzwischen Miete zahlen.

Tun sie nicht.

Leider.

Und genau deshalb ist CentOS für mich so ein spannendes Thema. Nicht, weil CentOS besonders aufregend war. Im Gegenteil.

CentOS war nie sexy.

CentOS war nicht die Distro, mit der man im Linux-Forum angeben wollte.

Kein „btw I use Arch“.

Kein Hyprland-Reisfeld mit Anime-Wallpaper.

Kein fancy neues Paketformat.

Kein Desktop, bei dem man erstmal 47 Minuten darüber diskutiert, ob die Titelleiste spirituell notwendig ist.

CentOS war eher der beige Aktenschrank im Serverraum.

Langweilig.

Stabil.

Schwer.

Da.

Und genau das war sein Job.


CentOS war der alte Volvo unter den Linux-Distributionen

Früher war CentOS für viele Menschen im Grunde:

RHEL ohne Rechnung.

Natürlich ist das etwas grob gesagt, aber vom Gefühl her trifft es den Punkt ziemlich gut.

Red Hat Enterprise Linux war das professionelle Enterprise-System mit Support, Zertifizierungen, langem Lebenszyklus und all dem Zeug, das Unternehmen mögen, weil es nach Kontrolle, Verträgen und „falls etwas brennt, rufen wir jemanden an“ riecht.

CentOS war der freie Nachbau davon.

Red Hat baute RHEL.

Die Quellen waren verfügbar.

CentOS nahm diese Quellen, entfernte Red-Hat-Branding und baute daraus ein kompatibles System.

Fertig war der kostenlose Enterprise-Brötchenkorb.

Für Admins, kleine Firmen, Hosting-Leute, Homelabs und alle, die RHEL-artige Stabilität wollten, aber kein RHEL-Abo brauchten oder bezahlen wollten, war das extrem attraktiv.

CentOS war nicht cool.

CentOS war: „Bitte einfach laufen.“

Und das ist bei Servern ungefähr das höchste Kompliment, das man vergeben kann.

Ein Server soll nicht jeden Morgen mit Persönlichkeit aufwachen.

Ein Server soll nicht sagen: „Heute fühle ich mich Rolling Release.“

Ein Server soll nicht spontan sein.

Ein Server soll seine Arbeit machen und ansonsten die Klappe halten.

CentOS konnte genau das.


Dann kam Red Hat und sagte: Moment mal, Freunde

Jetzt kommt der Teil, bei dem viele sofort emotional werden.

Red Hat hat CentOS nicht einfach aus purer Bosheit in einen Sack gesteckt und im Fluss versenkt.

So einfach ist es nicht.

Red Hat ist keine Wohlfahrt mit rotem Hut.

Und ja, ich weiß, das klingt jetzt hart. Aber ganz ehrlich: Wer glaubt, dass professionelle Linux-Infrastruktur aus Feenstaub, Mate-Tee und moralischer Empörung entsteht, hat vielleicht ein bisschen zu lange im Forum am Ideologie-Auspuff geschnüffelt.

RHEL ist nicht nur „Linux mit Logo“.

Da steckt Arbeit drin.

Security-Backports.

QA.

Zertifizierungen.

Kernel-Pflege.

Dokumentation.

Support-Strukturen.

Hardware- und Software-Partner.

Langzeitpflege.

Enterprise-Kram, der für normale Menschen ungefähr so spannend klingt wie eine Steuererklärung in YAML.

Aber genau dieser langweilige Kram kostet Geld.

Und Red Hat lebt davon.

Überraschung: Unternehmen machen Unternehmensdinge.

Ich weiß. Schockierend.

Man kann Red Hat für vieles kritisieren. Aber dass sie irgendwann auf ihren kostenlosen Schatten geschaut und gedacht haben: „Hm, vielleicht ist das für unser Geschäftsmodell nicht komplett optimal“, ist jetzt nicht gerade ein Plot-Twist auf Anime-Endgegner-Niveau.

Das ist Betriebswirtschaft.

Nicht schön.

Nicht romantisch.

Aber sehr real.


Der Bäcker und der kostenlose Brötchenkorb

Für mich funktioniert das am besten mit einem Bäcker-Bild.

Stell dir vor, da ist ein Bäcker.

Der steht morgens um vier auf.

Kauft Mehl.

Bezahlt Personal.

Zahlt Miete.

Hält Hygienevorschriften ein.

Testet Rezepte.

Sorgt dafür, dass die Brötchen jeden Morgen gleich schmecken.

Und wenn einem Kunden ein Brötchen explodiert, muss er sich auch noch damit beschäftigen.

Jetzt legt dieser Bäcker sein Rezept offen.

Und nebenan stellt sich jemand hin, backt sehr ähnliche Brötchen, kratzt das Logo ab und verteilt sie kostenlos.

Rechtlich mag das je nach Rezept völlig in Ordnung sein.

Moralisch kann man darüber diskutieren.

Aber wenn der Bäcker irgendwann sagt:

„Okay, Freunde. Dann stelle ich meine Abläufe vielleicht nicht mehr ganz so bequem für den Gratisstand nebenan bereit.“

Dann ist das nicht automatisch Verrat an der Backkunst.

Dann ist das erstmal ein Bäcker, der merkt, dass er nicht dauerhaft die Arbeit machen kann, während nebenan jemand den kostenlosen Brötchenkorb auffüllt.

Und genau da liegt für mich der Punkt.

Open Source gibt Rechte.

Aber Open Source heißt nicht automatisch:

„Bitte liefern Sie mir zehn Jahre Enterprise-Stabilität kostenlos nach Hause, inklusive Sicherheitsupdates, Kompatibilität und emotionaler Betreuung.“

Das ist keine Freiheit.

Das ist Wunschdenken mit Pinguin-Aufkleber.


Aber CentOS 8 war trotzdem ein Tritt gegen das Schienbein

Und jetzt kommt die andere Seite.

Denn nur weil Red Hats wirtschaftliche Logik nachvollziehbar ist, heißt das nicht, dass die Umsetzung sauber war.

CentOS 8 war für viele ein echter Schlag.

Leute hatten geplant.

Server wurden aufgesetzt.

Migrationen wurden vorbereitet.

Firmen hatten sich darauf verlassen, dass CentOS 8 ähnlich lange lebt, wie man es von dieser Welt erwartete.

Und dann kam die Ansage:

CentOS Linux 8 endet Ende 2021.

Das war hart.

Nicht „oh, schade, neue Richtung“.

Sondern eher:

„Du hast dein Fundament gegossen und der Betonhersteller sagt nachträglich: Ach übrigens, der Beton läuft nächstes Jahr ab.“

Das ist nicht elegant.

Das ist nicht vertrauensfördernd.

Das ist ungefähr so charmant wie ein Server-Reboot per Sicherungskasten.

Ich finde: Red Hat durfte CentOS umbauen. Red Hat durfte wirtschaftlich handeln. Red Hat durfte sagen: „Wir wollen CentOS Stream als Zukunft.“

Aber CentOS 8 so früh abzuschneiden, war unschön.

Da muss man nicht drum herumreden.

Man hätte sagen können:

„CentOS 8 bekommt seinen geplanten Lebenszyklus. Danach ist Schluss mit dem alten Modell. Ab dann Stream.“

Das wäre immer noch schmerzhaft gewesen.

Aber es wäre sauberer gewesen.

So fühlte es sich für viele an, als würde jemand mitten während der Fahrt die Gleise umbauen und dann sagen:

„Keine Sorge, der Zug fährt noch. Nur jetzt woanders hin.“


CentOS Stream ist nicht Müll. Es ist nur nicht das alte CentOS

Das ist mir wichtig.

Viele tun so, als wäre CentOS Stream einfach kaputt oder böse oder eine Art Beta-RHEL mit Sicherheitshelm aus Pappe.

So simpel ist es nicht.

CentOS Stream sitzt heute vor RHEL-Minor-Releases.

Also grob:

Fedora → CentOS Stream → RHEL

Früher war es eher:

Fedora → RHEL → CentOS Linux

Das ist ein großer Unterschied.

Das alte CentOS war ein Nachbau von etwas Fertigem.

CentOS Stream ist eher ein Blick in die Richtung, in die RHEL demnächst geht.

Für Entwickler, Hardwarepartner, Cloud-Leute und alle, die RHEL mitgestalten oder früh sehen wollen, was kommt, kann das sinnvoll sein.

Aber der klassische CentOS-Nutzer wollte oft gar nicht mitgestalten.

Der wollte nicht „Hallo, ich möchte Feedback in den RHEL-Entwicklungsprozess geben.“

Der wollte:

„Bitte zehn Jahre lang meinen Server nicht anfassen.“

Und genau deshalb war CentOS Stream für viele nicht einfach ein Ersatz.

Es ist nicht zwingend schlechter.

Es macht nur einen anderen Job.

Und wenn dein alter Hammer plötzlich ein sehr interessantes Schraubendreher-Forschungsprojekt wird, kannst du anerkennen, dass das technisch spannend ist, während du trotzdem noch einen Hammer brauchst.


Dann kamen Alma und Rocky

Nach dem CentOS-Knall entstand natürlich ein Loch.

Und Linux wäre nicht Linux, wenn nicht sofort jemand gesagt hätte:

„Okay, dann bauen wir das eben selbst.“

So kamen AlmaLinux und Rocky Linux groß ins Spiel.

Rocky Linux hatte sofort diesen emotionalen Bonus:

„Das echte CentOS-Gefühl kommt zurück.“

Gregory Kurtzer, einer der ursprünglichen CentOS-Leute, war beteiligt. Das hatte Symbolkraft. Rocky fühlte sich für viele an wie:

„Wir holen den alten Server-Hausmeister zurück.“

Rocky hält stärker am klassischen Ziel fest, möglichst nah an RHEL zu bleiben, bug-for-bug-kompatibel, so originalgetreu wie möglich.

Das ist verständlich.

Es gibt Menschen, die genau das wollen.

Sie wollen nicht „inspiriert von RHEL“.

Sie wollen nicht „ungefähr Enterprise-kompatibel“.

Sie wollen: „Wenn es auf RHEL läuft, soll es hier genauso laufen.“

Das hat seinen Wert.

Aber AlmaLinux finde ich persönlich fast spannender.

Denn Alma hat nach Red Hats späterer Quellen-Änderung nicht einfach nur trotzig weitergerufen:

„Wir kopieren trotzdem alles exakt!“

Alma ist eher Richtung Binary- beziehungsweise ABI-Kompatibilität gegangen.

Also sinngemäß:

„Software, die für RHEL gebaut ist, soll auf Alma laufen. Aber wir müssen nicht jeden Kratzer im Original mitkopieren, nur um beweisen zu können, dass dieselbe Tür bei uns genauso schief lackiert ist.“

Das wirkt auf mich erwachsener.

Nicht beleidigt.

Nicht romantisch.

Nicht komplett abhängig vom alten Schatten.

Mehr so:

„Okay, die Welt hat sich geändert. Dann bauen wir halt eine kompatible, langfristige Enterprise-Distribution, aber mit eigener Verantwortung.“

Das gefällt mir.

Rocky ist emotional sehr nachvollziehbar.

Alma wirkt auf mich strategisch nüchterner.

Und manchmal ist nüchtern im Serverbereich nicht das Schlechteste.


„Aber Open Source!“ ist kein magischer Gutschein

Was mich an der ganzen Debatte nervt, ist diese eine Reflexantwort:

„Aber Open Source!“

Als wäre das ein Zauberspruch.

„Aber Open Source!“

Und plötzlich müssen Unternehmen ihre Arbeit so strukturieren, dass dein Gratis-Setup maximal bequem bleibt.

Nein.

So funktioniert das nicht.

Open Source bedeutet, dass bestimmte Rechte und Freiheiten existieren.

Code einsehen.

Code verändern.

Code weitergeben.

Unter den jeweiligen Lizenzen arbeiten.

Das ist großartig.

Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Red Hat, Canonical, SUSE oder sonst wer verpflichtet ist, dir ein kostenloses Enterprise-Buffet mit Silberbesteck hinzustellen.

Viele Leute wollen professionelle Software, professionelle Pflege, professionelle Stabilität, professionelle Sicherheitsarbeit und professionelle Infrastruktur.

Aber sobald Professionalität Geld verdienen will, wird es plötzlich ganz dunkel im Kommentarbereich.

Dann heißt es:

„Verrat!“

„Kommerz!“

„Wie Windows!“

„Linux ist tot!“

Bruder.

Atme.

Ohne Unternehmensgeld sähe Linux heute wahrscheinlich deutlich trauriger aus.

Vielleicht säßen wir wirklich noch vor GNOME 0.3.1, auf einem Desktop, der aussieht, als hätte ein Faxgerät Depressionen.

Und bevor jetzt jemand mit der Mistgabel kommt: Ja, Community-Arbeit ist wichtig. Extrem wichtig sogar.

Debian.

Arch.

Gentoo.

Void.

KDE.

Viele kleinere Projekte.

Unzählige freiwillige Maintainer.

Ohne Community wäre Linux nicht Linux.

Aber diese romantische Fantasie, dass alles Gute nur aus Hobbykellern kommt und jede Firma automatisch ein moralisch verdächtiger Endgegner ist, ist halt Quatsch.

Linux ist heute ein Mischwesen.

Community.

Firmen.

Forschung.

Hobbyisten.

Große Konzerne.

Kleine Maintainer.

Leute, die abends nach der Arbeit noch Bugs fixen.

Leute, die dafür bezahlt werden, morgens Bugs zu fixen.

Das ist nicht rein.

Das ist nicht romantisch.

Aber es funktioniert.

Meistens.

Irgendwie.

Wie ein alter Drucker mit Netzwerkfreigabe.


Red Hat hat viel für Linux getan

Das muss man eben auch sagen.

Red Hat ist nicht einfach der böse Konzern mit rotem Hut und dunkler Bossmusik.

Red Hat hat extrem viel in Linux gesteckt.

Fedora ist ein riesiger Teil davon.

Fedora ist nicht einfach irgendeine kleine Testwiese. Fedora ist modern, mutig, oft früh dran und hat vieles nach vorne geschoben.

GNOME.

Wayland.

PipeWire.

systemd.

Container-Themen.

Podman.

KVM.

Kernel-Arbeit.

Enterprise-Linux-Ökosystem.

Natürlich macht Red Hat das nicht aus reiner Nächstenliebe.

Na und?

Canonical macht Ubuntu auch nicht, weil Mark Shuttleworth nachts vom Geist des kostenlosen Desktops besucht wird.

Valve investiert nicht in Linux-Gaming, weil Gabe Newell jeden Morgen einen Pinguin umarmt und eine Träne auf Proton fallen lässt.

Intel, AMD, Red Hat, Canonical, SUSE, Collabora, Valve und viele andere haben Interessen.

Und trotzdem profitieren wir davon.

Das eine schließt das andere nicht aus.

Eine Firma kann aus Eigennutz handeln und trotzdem etwas Gutes für Linux tun.

Das ist offenbar für manche schwer auszuhalten.

Aber die Welt ist eben nicht immer Anime-Schwarzweiß.

Manchmal ist der Charakter nervig, eigennützig und trotzdem wichtig für die Party.


Warum ich Ubuntu manchmal ehrlicher finde als Fedora

Das ist jetzt mein persönlicher Bauchabschnitt.

Ich mag Fedora.

Technisch ist Fedora stark.

Sehr sogar.

Aktuell, sauber, modern, nah an spannenden Entwicklungen. Fedora ist oft die Distro, bei der man merkt:

„Hier passiert Zukunft gerade nicht nur auf Folien.“

Aber Fedora hat eben diesen Red-Hat-Schatten.

Community-Distro, ja.

Aber auch RHEL-Vorlauf.

Innovationsfeld.

Strategisches Ökosystem.

Das ist nicht schlimm.

Aber es macht die Sache manchmal weniger eindeutig.

Ubuntu dagegen ist für mich manchmal die ehrlichere Mogelpackung.

Canonical sagt im Grunde:

„Ja, wir bauen ein Produkt. Ja, wir haben Strategien. Ja, Snap ist unser Ding. Ja, wir treffen Entscheidungen, die nicht jeder mag.“

Das kann nerven.

Oh ja.

Aber wenigstens steht die Mogelpackung vorne im Regal und winkt.

Bei Fedora fühlt es sich manchmal an, als würde im Community-Raum ein Red-Hat-Mitarbeiter sitzen und sagen:

„Ich bin nur privat hier.“

Und vielleicht stimmt das sogar.

Aber der Schatten sitzt halt trotzdem mit am Tisch und hat auffällig viel Besteck dabei.

Das heißt nicht, dass Fedora schlecht ist.

Überhaupt nicht.

Aber ich verstehe mein eigenes Bauchgefühl inzwischen besser: Bei Ubuntu weiß ich eher, woran ich bin.

Canonical ist Canonical.

Nicht wohltätig.

Nicht perfekt.

Nicht immer sympathisch.

Aber ziemlich eindeutig in seiner Art.

Und manchmal ist mir die ehrliche Mogelpackung lieber als ein Community-Konstrukt, bei dem man erst drei Ebenen Governance lesen muss, bevor man versteht, wer eigentlich gerade die Möbel schiebt.


CentOS zeigt, dass Stabilität auch Vertrauen ist

Das ist für mich der eigentliche Kern.

CentOS war nicht nur stabil, weil Pakete alt waren.

CentOS war stabil, weil Menschen dem Versprechen vertrauten.

„Das läuft lange.“

„Das bleibt ruhig.“

„Das ist wie RHEL, nur ohne Rechnung.“

„Damit kann ich planen.“

Als Red Hat dieses Modell verändert hat, ging es nicht nur um Repositories.

Es ging um Vertrauen.

Und Vertrauen ist im Serverbereich nicht irgendein weiches Kuschelwort.

Vertrauen ist Infrastruktur.

Wenn du ein System für Jahre planst, dann planst du nicht nur mit Paketen.

Du planst mit Erwartungen.

Mit Lebenszyklen.

Mit Migrationsfenstern.

Mit Arbeitszeit.

Mit Kunden.

Mit Dokumentation.

Mit Bauchruhe.

Wenn diese Erwartung plötzlich kürzer wird, tut das weh.

Deshalb war die Wut über CentOS 8 nicht einfach nur Gejammer.

Die war nachvollziehbar.

Aber gleichzeitig war ein Teil der Reaktion danach eben auch überzogen.

Nicht jede Geschäftsentscheidung ist Verrat.

Nicht jede Einschränkung ist Windows.

Nicht jedes „wir machen unser Geschäftsmodell weniger leicht kopierbar“ ist der Untergang der freien Welt.

Manchmal ist es einfach ein Unternehmen, das nicht länger der unbezahlte Brötchenlieferant für alle sein will.


Open Source ist kein Gratisbuffet ohne Küche

Ich glaube, das ist der Satz, auf den ich hinaus will:

Open Source ist kein Gratisbuffet ohne Küche.

Irgendwo muss jemand kochen.

Irgendwo muss jemand einkaufen.

Irgendwo muss jemand die Spülmaschine ausräumen, auch wenn alle nur über die hübschen Teller reden.

Bei Linux sehen wir oft nur das Buffet.

Den Kernel.

Den Desktop.

Die Pakete.

Die Distribution.

Die Container.

Die Updates.

Aber dahinter stehen Menschen, Organisationen, Firmen, Maintainer, Supportverträge, Interessen und Geld.

Und wenn jemand sagt:

„Hey, wir können nicht dauerhaft Premium-Brötchen backen, während nebenan der kostenlose Korb mit unseren Rezepten gefüllt wird“,

dann kann man das kritisieren.

Man kann sagen:

„Die Art war Mist.“

Man kann sagen:

„CentOS 8 hätte sauber auslaufen müssen.“

Man kann sagen:

„Red Hat hätte die Community besser mitnehmen sollen.“

Alles fair.

Aber man sollte nicht so tun, als hätte Red Hat damit automatisch Open Source verraten.

Das ist mir zu billig.

Das ist dieselbe Denke wie bei Snap:

„Mir gefällt eine Entscheidung nicht, also ist es wie Windows.“

Nein.

Manchmal ist es einfach nur eine Entscheidung, die einem nicht gefällt.

Das reicht doch schon.

Man muss nicht jedes Ärgernis sofort zum ideologischen Endkampf aufblasen.


Was bleibt von CentOS?

CentOS Linux ist Geschichte.

CentOS Stream lebt weiter, aber mit anderem Zweck.

Rocky Linux trägt den alten CentOS-Geist weiter, möglichst nah an RHEL, möglichst original.

AlmaLinux geht pragmatischer vor, kompatibel, aber nicht zwanghaft bug-for-bug.

RHEL bleibt das kommerzielle Enterprise-Original.

Und irgendwo dazwischen sitzen Admins, die eigentlich nur einen langweiligen Server wollten und plötzlich Open-Source-Philosophie mit Betriebswirtschaft serviert bekommen haben.

Wie ein Überraschungsmenü, das niemand bestellt hat.

CentOS war für viele ein Symbol.

Nicht für Freiheit im großen Pathos-Sinn.

Sondern für Ruhe.

Für Planbarkeit.

Für das Gefühl:

„Das Ding läuft. Ich kann schlafen.“

Und vielleicht war genau das der Grund, warum der Bruch so weh tat.

Nicht weil CentOS so aufregend war.

Sondern weil es das nicht sein sollte.

CentOS war langweilig aus Prinzip.

Und dann wurde ausgerechnet dieses langweilige Ding plötzlich Drama.

Das muss man auch erstmal schaffen.


Fazit: Der kostenlose Brötchenkorb war nie selbstverständlich

Ich glaube, meine Haltung ist am Ende ziemlich klar:

Red Hat hatte wirtschaftlich gute Gründe.

Red Hat hat viel für Linux getan.

Red Hat ist nicht die Wohlfahrt mit rotem Hut.

Open Source bedeutet nicht, dass Unternehmen dir Enterprise-Linux dauerhaft kostenlos in den Napf legen müssen.

Aber:

CentOS 8 früher abzuschneiden war hart.

Die Kommunikation war unschön.

Das Vertrauen vieler Nutzer wurde beschädigt.

Und dieser Vertrauensschaden ist real.

Beides kann gleichzeitig stimmen.

Das ist vielleicht nicht forumstauglich genug, weil es nicht schön in „gut“ und „böse“ sortiert ist.

Aber leider ist die echte Welt meistens kein sauberer Paketbaum.

Eher so ein Dependency-Graph, bei dem irgendwo ein Perl-Modul von 2009 noch mitreden will.

CentOS war der kostenlose Brötchenkorb.

Red Hat hat irgendwann gemerkt, dass dieser Korb direkt neben der eigenen Bäckerei steht.

Dass sie etwas dagegen tun wollten, ist verständlich.

Dass sie dabei einigen Leuten das Frühstück versaut haben, auch.

Und vielleicht ist genau das die Lehre:

Open Source ist großartig.

Aber Open Source ist kein magisches Versprechen, dass professionelle Arbeit niemals Geld kosten darf.

Und wenn wir moderne Linux-Systeme wollen, dann sollten wir vielleicht aufhören so zu tun, als würden gute Desktops, stabile Server und Sicherheitsupdates aus idealistischen Nebelschwaden geboren.

Manchmal kommt das Brötchen eben vom Bäcker.

Und manchmal will der Bäcker bezahlt werden.

Völlig verrücktes Konzept, ich weiß…