Früher dachte ich, Erwachsenwerden bedeutet, dass man irgendwann weniger Quatsch macht.

Weniger Unsinn. Weniger spontane Ideen. Weniger „ach komm, ich probiere das mal eben aus“. Weniger Entscheidungen, bei denen man fünf Minuten später merkt, dass das Leben gerade keinen Autosave angelegt hat.

Heute glaube ich: Das stimmt nicht.

Erwachsenwerden bedeutet nicht, weniger Quatsch zu machen.

Man macht ihn nur irgendwann mit Backup, Rückweg und etwas mehr Respekt vor der Miete.


Damals hatte ich keinen Plan von nichts

Als Jugendlicher habe ich die Schule nach der 9. Klasse ohne Abschluss verlassen. Ich hatte keinen Plan von nichts, war aber gleichzeitig in diesem Alter, in dem man trotzdem irgendwie glaubt, man hätte die Welt verstanden.

Spoiler: Hatte ich nicht.

Danach blieb mir nicht viel anderes übrig, als meinen Abschluss über eine Maßnahme nachzuholen. Mit Praktika, verschiedenen Handwerksberufen und allem, was einem das Leben so hinstellt, wenn man vorher dachte, Zukunft würde sich schon irgendwie selbst konfigurieren.

Nach neun Monaten hatte ich meinen Abschluss dann tatsächlich in der Tasche.

Und weil das Leben offenbar fand, dass ein bestandener Abschluss noch nicht genug Realitätsschock ist, bin ich danach zu meiner damaligen Freundin nach Hamburg gezogen und habe dort eine Ausbildung angefangen.


Hamburg, Ausbildung und sehr kleine Zahlen

Solange wir zusammen waren, ging das irgendwie. Ausbildungsvergütung ist nie Luxus, aber zu zweit konnte man es sich noch schönrechnen.

Nach der Trennung sah das anders aus.

Plötzlich war da eine eigene Wohnung. In Hamburg. Mit einer Miete, die schon damals nicht gerade nach „entspannter Azubi-Lifestyle“ klang. Und auf einmal wirkte die Ausbildungsvergütung nicht mehr klein, sondern winzig.

So winzig, dass man sie vermutlich unter dem Mikroskop suchen musste.

Also habe ich die Ausbildung abgebrochen und bin wieder zurück zu meinen Eltern.

Nicht unbedingt ein Moment, den man sich vorher als großen Lebensplan auf ein Poster druckt.


Manchmal lernt man nicht durch Weisheit, sondern durch Aufprall

Kurz danach habe ich eine neue Ausbildung angefangen. Diesmal habe ich sie durchgezogen. Nicht, weil ich plötzlich zum Weisheits-Großmeister geworden wäre. Nicht, weil ich von einem Tag auf den anderen verstanden hätte, wie das Leben funktioniert.

Ich wusste nur inzwischen, wie es ist, praktisch mit nichts dazustehen.

Und da wollte ich nicht wieder hin.

Vielleicht wird man nicht automatisch klüger, nur weil einem das Leben ein paar Mal die Tür vor die Nase knallt. Vielleicht wird man einfach vorsichtiger. Vorausschauender. Man schaut vorher, wo der Ausgang ist. Man fragt sich eher, was passiert, wenn Plan A sich als brennender Einkaufswagen herausstellt.

Nach der Ausbildung bin ich dann richtig ins Berufsleben eingestiegen und irgendwann wieder ausgezogen. Stück für Stück wurde alles stabiler.

Nicht perfekt.

Nur stabiler.

Und das reicht manchmal schon.


Der Quatsch ist trotzdem geblieben

Das Lustige ist: Der Quatsch ist trotzdem geblieben.

Ich verschwinde immer noch in Linux-Rabbit-Holes. Ich probiere Distributionen aus, bastle an Projekten, baue Ideen wie Gedankenbrei, Animavel oder Hybruntalia zusammen und habe wahrscheinlich mehr angefangene Baustellen im Kopf als manche Gemeinden im Straßenbau.

Ich schaue Anime, die mich emotional beschädigen, obwohl ich vorher genau weiß, dass sie mich emotional beschädigen werden.

Ich fange Projekte an, bei denen ich heute schon ahne, dass wahrscheinlich nicht alle jemals fertig werden.

Aber der Unterschied ist: Heute mache ich Quatsch meistens mit Sicherheitsnetz.

Früher war es:

Wird schon irgendwie.

Heute ist es eher:

Wird schon irgendwie, aber vorher mache ich einen Snapshot.

Das klingt nicht besonders heldenhaft. Aber es ist Wachstum.


Quatsch mit Rückweg ist immer noch Quatsch

Beim Linux-Basteln heißt das: Nicht mehr einfach das Hauptsystem anzünden und hoffen, dass der Rauch dekorativ aussieht. Sondern Snapper, Backup, Distrobox, externe Testsysteme, Rückweg.

Bei Projekten heißt das: Nicht sofort alles ins Produktivsystem kippen, sondern erstmal lokal testen, sortieren, nachdenken, verwerfen, neu anfangen.

Bei Ideen heißt das: Nicht jede spontane Eingebung muss direkt ein eigenes Universum mit Domain, Logo, API und Weltherrschaftsplan werden.

Okay.

Manche vielleicht schon.

Aber nicht jede.

Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen jugendlichem und erwachsenem Quatsch.

Jugendlicher Quatsch sagt:

Ich mache das jetzt einfach, was soll schon passieren?

Erwachsener Quatsch sagt:

Ich mache das jetzt einfach, aber ich weiß ungefähr, was passieren könnte, und habe zumindest einen Feuerlöscher daneben gestellt.


Ganz vernünftig will ich gar nicht werden

Und ganz ehrlich: Ich will gar nicht komplett vernünftig werden.

Vollständig vernünftige Menschen bauen vermutlich keine Blogs namens Gedankenbrei. Sie planen keine Anime-, Manga- und Light-Novel-Release-Kompass-Projekte, während im Hintergrund schon wieder drei Linux-Ideen winken. Sie verbringen auch nicht ihre Freizeit damit, Betriebssysteme wie andere Leute Kaffeesorten zu testen.

Aber vielleicht muss man das auch gar nicht ablegen.

Vielleicht geht es beim Erwachsenwerden nicht darum, den inneren Chaoten umzubringen.

Vielleicht geht es nur darum, ihm irgendwann einen Helm aufzusetzen.

Und ein Backup zu machen.

Nur für den Fall.