Eigentlich wollte ich wirklich nichts Großes machen.
Ich wollte weder mein komplettes System umbauen noch Windows eine zweite Chance geben oder plötzlich wieder dauerhaft ins Microsoft-Lager wechseln. Ich wollte lediglich Codex GUI unter Windows testen.
Ein kleiner Test. Windows installieren, Codex starten, ein bisschen herumspielen und schauen, was die Oberfläche kann.
So zumindest der Plan.
Windows hatte offenbar andere Vorstellungen.
Erst einmal Kubuntu aus dem Weg räumen
Mein Kubuntu lag auf der internen SSD. Für den Windows-Test wollte ich es natürlich nicht einfach löschen, also musste es vorübergehend auf meine externe SSD umziehen.
Unter Linux ist das im Grunde keine große Sache. Datenträger prüfen, Zielplatte vorbereiten und das System mit dd vollständig auf die externe Festplatte kopieren.
Natürlich sollte man bei dd sehr genau hinschauen, welche Platte Quelle und welche Ziel ist. Ein vertauschtes Laufwerk und aus „Disk Dump“ wird sehr schnell „Daten dauerhaft verschwunden“.
Aber davon abgesehen war der Vorgang ziemlich unspektakulär.
Kubuntu wurde kopiert, die externe SSD bootete und mein Linux-System war gerettet.
Dann dachte ich mir:
Jetzt installiere ich eben Windows auf die freigewordene interne SSD.
Dieses „eben“ war mein erster Fehler.
Windows möchte nicht auf die externe SSD
Theoretisch wäre es natürlich viel bequemer gewesen, Windows einfach auf eine externe USB-SSD zu installieren. Dann hätte Kubuntu auf der internen Platte bleiben können und ich hätte Windows nur bei Bedarf angeschlossen.
Linux macht so etwas weitgehend problemlos mit. Eine externe SSD ist für den Installer zunächst einmal einfach ein weiterer Datenträger.
Windows sieht das anders.
Eine normale Windows-Installation auf ein per USB angeschlossenes Laufwerk ist vom regulären Installer nicht vorgesehen. Microsoft hatte mit Windows To Go früher sogar einmal eine offizielle Lösung für portable Windows-Systeme. Diese Funktion wurde jedoch bereits mit Windows 10 Version 2004 entfernt. Microsoft begründete das unter anderem damit, dass Windows To Go keine normalen Funktionsupdates unterstützte und spezielle USB-Laufwerke benötigte. Microsoft Learn
Natürlich gibt es Werkzeuge und Umwege, mit denen Windows trotzdem auf USB-Laufwerken betrieben werden kann. Aber ich wollte keinen dreitägigen Forschungsauftrag daraus machen.
Also musste Kubuntu umziehen, damit Windows den roten Teppich auf der internen SSD ausgerollt bekam.
Ventoy starten, ISO auswählen und warten
Die Windows-11-ISO lag bereits auf meinem Ventoy-Stick. Also Rechner neu gestartet, Ventoy geöffnet und die ISO im normalen Modus gestartet.
Der Installer erschien, die Partitionen wurden ausgewählt und Windows begann mit der Installation.
Bis hierhin war noch alles halbwegs normal.
Dann kam der Bildschirm:
Windows 11 wird installiert
Ihr PC startet einige Male neu, was eine Weile dauern kann.
„Eine Weile“ ist Microsoft-Sprache für:
Geh ruhig Kaffee kochen. Pflanz die Bohnen vorher noch selbst an.
Linux-Installationen auf derselben Hardware sind für gewöhnlich in etwa zehn bis fünfzehn Minuten erledigt. Kubuntu installieren, Benutzerkonto anlegen, Laufwerk auswählen, warten, neu starten, fertig.
Windows dagegen kopierte Dateien, bereitete Dateien vor, installierte Funktionen, startete neu, bereitete Geräte vor und startete noch einmal neu.
Und irgendwann sitzt man einfach nur noch davor und beobachtet Prozentzahlen.
21 Prozent.
37 Prozent.
64 Prozent.
Neustart.
Kreis dreht sich.
Noch ein Neustart.
„Einen Moment bitte.“
Der Moment hatte inzwischen eine eigene Postleitzahl.
Microsoft beschreibt selbst, dass ein Windows-11-Upgrade beziehungsweise eine Installation während des Vorgangs mehrfach neu starten kann. Das ist also kein Fehler, sondern tatsächlich Teil des vorgesehenen Erlebnisses. Microsoft Support
Das macht es allerdings nicht weniger zäh.
Nach der Installation beginnt die eigentliche Installation
Irgendwann war Windows dann vermeintlich fertig.
Zumindest dachte ich das.
Denn jetzt begann die sogenannte Out-of-Box Experience, kurz OOBE. Das ist jener Teil, in dem Windows nicht mehr hauptsächlich Dateien kopiert, sondern versucht, den neuen Benutzer kennenzulernen.
Sehr genau kennenzulernen.
Zunächst möchte Windows eine Internetverbindung. Für Windows 11 Home sowie Windows 11 Pro bei privater Nutzung nennt Microsoft sowohl eine Internetverbindung als auch ein Microsoft-Konto offiziell als Voraussetzung für die Ersteinrichtung. Microsoft Support
Das ist bereits ein deutlicher Unterschied zu einer typischen Linux-Installation.
Bei Kubuntu lege ich einen lokalen Benutzernamen und ein Passwort fest. Fertig. Ich muss kein Konto bei Canonical anlegen, keine E-Mail-Adresse hinterlegen und mein Computer wird nicht automatisch mit einem Herstellerkonto verknüpft.
Windows möchte dagegen am liebsten direkt wissen:
- Wer bist du?
- Wie lautet dein Microsoft-Konto?
- Möchtest du deine Dateien mit OneDrive synchronisieren?
- Möchtest du Microsoft 365 ausprobieren?
- Darf Windows Diagnosedaten senden?
- Darf es personalisierte Empfehlungen anzeigen?
- Darf es eine Werbe-ID verwenden?
- Möchtest du noch ein paar weitere Microsoft-Dienste kennenlernen?
Je nach Windows-Version, Region, vorhandener Lizenz und Installationsabbild können die angezeigten Angebote unterschiedlich ausfallen. Aber der Grundton bleibt gleich:
Du wolltest ein Betriebssystem installieren. Microsoft möchte daraus gerne eine langfristige Geschäftsbeziehung machen.
Das Microsoft-Konto ist kein neutrales Benutzerkonto
Natürlich hat ein Microsoft-Konto Vorteile.
Einstellungen können synchronisiert werden, OneDrive ist direkt eingebunden, der Microsoft Store funktioniert komfortabler und das Gerät erscheint im eigenen Microsoft-Konto. Windows-Geräte werden beim Anmelden sogar automatisch zur Geräteliste des Kontos hinzugefügt. Microsoft Support
Wer diese Dienste verwendet, bekommt dadurch ein relativ bequemes Gesamtpaket.
Aber bequem ist nicht dasselbe wie freiwillig.
Der entscheidende Punkt ist, dass Windows 11 den Benutzer während der Einrichtung sehr deutlich in Richtung Onlinekonto schiebt. Ein klassisches lokales Konto existiert weiterhin, Microsoft empfiehlt aber ausdrücklich das Microsoft-Konto und macht den direkten Weg zum lokalen Konto während der Installation zunehmend unattraktiv. Microsoft Support
Bei Linux gehört der Rechner zunächst einmal mir.
Bei Windows fühlt es sich teilweise an, als würde ich meinen eigenen Computer erst bei Microsoft anmelden müssen, bevor ich ihn vollständig benutzen darf.
Möchtest du deine Dateien wirklich selbst verwalten?
Dann wäre da noch OneDrive.
Cloud-Synchronisation ist grundsätzlich nichts Schlechtes. Für viele Nutzer ist sie sogar praktisch. Dokumente und Bilder liegen automatisch in der Cloud, können auf mehreren Geräten verwendet werden und sind bei einem Defekt des Computers nicht sofort verloren.
Das Problem ist nicht, dass OneDrive existiert.
Das Problem ist die Art, wie Windows solche Funktionen präsentiert.
Die Einrichtung wirkt häufig nicht wie:
Möchtest du OneDrive verwenden?
Sondern eher wie:
Möchtest du deine Dateien schützen oder willst du etwa, dass deine Erinnerungen sterben?
Wer nur schnell durch die Einrichtung klickt, kann später feststellen, dass bekannte Ordner wie Desktop, Dokumente oder Bilder mit OneDrive verknüpft wurden.
Für technisch unerfahrene Nutzer mag das zunächst bequem sein. Spätestens wenn der kostenlose Speicher voll ist, Dateien scheinbar nur noch online vorliegen oder Windows plötzlich auf Synchronisationsprobleme hinweist, wird aus der Bequemlichkeit jedoch schnell Verwirrung.
Linux-Installer lassen mich mein System installieren.
Windows-Setup versucht währenddessen bereits, mir das passende Ökosystem dazu einzurichten.
Möchtest du vielleicht noch Microsoft 365?
Microsoft 365 ist ein gutes Office-Paket. Word, Excel und PowerPoint sind in vielen Firmen weiterhin Standard und funktionieren innerhalb des Microsoft-Ökosystems hervorragend.
Das darf man ruhig ehrlich sagen.
Microsoft bietet auf neuen Geräten oder Installationen teilweise Testphasen oder Aktivierungsangebote für Microsoft 365 an. Die offizielle Supportseite nennt beispielsweise eine einmonatige Testversion von Microsoft 365 Family als mögliche Option auf neuen Geräten. Microsoft Support
Auch daran ist grundsätzlich nichts Verwerfliches.
Nur habe ich gerade ein Betriebssystem installiert und keinen Einkaufsbummel begonnen.
Ich möchte nicht während jeder Einrichtung prüfen müssen, ob der große blaue Knopf gerade „Weiter“ oder eigentlich „kostenpflichtiges Abo starten“ bedeutet.
Datenschutzfragen mit eingebautem Verkaufsraum
Anschließend folgen die Datenschutzeinstellungen.
Standort.
Diagnosedaten.
Freihand- und Eingabeerkennung.
Personalisierte Erfahrungen.
Werbe-ID.
Vorschläge und Empfehlungen.
Auch hier gilt: Viele dieser Punkte lassen sich deaktivieren. Windows bietet entsprechende Schalter an und dokumentiert sie sogar recht ausführlich.
Aber allein die Existenz dieser Funktionen zeigt, wie stark Windows mittlerweile nicht nur Betriebssystem, sondern auch Vertriebsplattform ist.
Windows kann Apps eine Werbe-ID bereitstellen, damit personalisierte Werbung angezeigt wird. Selbst wenn die Werbe-ID deaktiviert wird, weist Microsoft darauf hin, dass dadurch nicht unbedingt weniger Werbung erscheint – sie wird lediglich weniger personalisiert. Microsoft Support
Außerdem können in den Windows-Einstellungen Vorschläge, neue Inhalte und App-Empfehlungen angezeigt werden. Microsoft beschreibt das selbst als „suggested content“ beziehungsweise Empfehlungen und Angebote. Microsoft Support
Ich kaufe oder installiere also ein Betriebssystem, das mir anschließend erklärt, wie ich die Werbung innerhalb dieses Betriebssystems weniger persönlich gestalten kann.
Das muss man sich einmal langsam auf der Zunge zergehen lassen.
Telemetrie: Optional ist nicht gleich keine
Besonders interessant wird es bei den Diagnosedaten.
Microsoft unterscheidet zwischen erforderlichen und optionalen Diagnosedaten. Die erforderlichen Daten werden genutzt, um Geräteinformationen, Hardwarekonfigurationen, Fehler und Kompatibilitätsprobleme auszuwerten. Optional können unter anderem detailliertere Angaben zum Gerät, zur Nutzung, zur Geräteaktivität und bei bestimmten Einstellungen sogar zu besuchten Websites übertragen werden. Microsoft Learn
Optionale Diagnosedaten lassen sich abschalten.
Die erforderlichen Diagnosedaten jedoch nicht vollständig – zumindest nicht in einer gewöhnlichen privaten Windows-Installation.
Microsoft erklärt, dass diese Daten benötigt würden, um Sicherheitsprobleme, Abstürze und Kompatibilitätsfehler zu erkennen. Das ist technisch nachvollziehbar. Ein Betriebssystem mit Milliarden möglicher Hardwarekombinationen profitiert selbstverständlich von Fehlerdaten.
Trotzdem bleibt ein unangenehmer Unterschied:
Bei vielen Linux-Distributionen muss Telemetrie ausdrücklich aktiviert werden oder existiert überhaupt nicht. Bei Windows ist eine gewisse Datenübertragung integraler Bestandteil des Produkts.
Und spätestens wenn Diagnosedaten zusätzlich für personalisierte Tipps, Werbung und Empfehlungen verwendet werden können, wird es schwer, noch von reiner technischer Notwendigkeit zu sprechen. Microsoft Learn
Und dann kamen die Updates
Nachdem ich mich endlich durch die Einrichtung gearbeitet hatte, stand der Windows-Desktop vor mir.
Geschafft.
Dachte ich erneut.
Natürlich war Windows noch nicht fertig.
Windows Update hatte schließlich ebenfalls Gefühle und wollte beachtet werden.
Also wurden Updates gesucht, heruntergeladen und installiert. Danach wollte Windows neu starten. Einige Aktualisierungen erschienen erst nach dem ersten Durchlauf, weil offenbar zunächst Komponenten aktualisiert werden mussten, damit anschließend weitere Komponenten aktualisiert werden konnten.
Microsoft bestätigt selbst, dass Windows-Updates zum Abschluss Neustarts benötigen und diese teilweise geplant werden müssen. Microsoft Support
Aus der geplanten kurzen Windows-Installation war damit endgültig ein Abendprogramm geworden.
Und das alles nur, weil ich eine GUI testen wollte.
Linux: Installieren und benutzen
Natürlich ist auch eine Linux-Installation nicht immer perfekt.
Je nach Hardware können WLAN, NVIDIA-Treiber, Secure Boot oder spezielle Notebook-Funktionen Probleme machen. Manche Distributionen sind komplizierter als andere. Arch Linux ist kein Linux Mint und Gentoo ist kein Kubuntu.
Aber eine typische Kubuntu-, Linux-Mint- oder Fedora-Installation ist heute erstaunlich unspektakulär.
Man startet das Live-System, kann den Desktop meist schon vor der Installation ausprobieren und klickt sich anschließend durch einige klar verständliche Punkte:
- Sprache auswählen
- Tastaturlayout auswählen
- Festplatte auswählen
- Benutzerkonto erstellen
- Installation starten
- neu booten
Kubuntu beschreibt sich selbst als direkt einsatzbereit und liefert bereits Werkzeuge für alltägliche Aufgaben mit. Firefox und LibreOffice sind beispielsweise standardmäßig vorhanden. Kubuntu
Nach dem ersten Start kann ich aktualisieren, weitere Programme installieren und arbeiten.
Kein Zwangskonto.
Keine Werbe-ID.
Kein Cloud-Abonnement, das mir während der Installation freundlich entgegengrinst.
Keine Frage, ob ich Empfehlungen auf Basis meiner Nutzung erhalten möchte.
Einfach ein Betriebssystem.
Trotzdem: Windows 11 ist technisch nicht grundsätzlich schlecht
Bei aller Häme wäre es unehrlich, Windows 11 ausschließlich als unbrauchbaren Datenstaubsauger darzustellen.
Windows 11 funktioniert auf unterstützter Hardware grundsätzlich ordentlich. Die Treiberunterstützung ist breit, Spiele laufen meist problemlos und viele kommerzielle Programme existieren weiterhin ausschließlich oder zumindest bevorzugt für Windows.
Gerade für private Nutzer hat Microsoft den PC in vieler Hinsicht sehr zugänglich gemacht.
Hardware anschließen, Treiber automatisch installieren lassen, Microsoft-Konto anmelden und Dateien über OneDrive synchronisieren – für Menschen, die sich nicht mit ihrem Betriebssystem beschäftigen möchten, kann dieses Gesamtpaket angenehm sein.
Auch die Sicherheitsanforderungen wie TPM 2.0, UEFI und Secure Boot haben einen nachvollziehbaren technischen Hintergrund. Sie sollen unter anderem moderne Sicherheitsfunktionen ermöglichen und die Vertrauenskette beim Systemstart verbessern.
Windows 11 ist also nicht schlecht, weil es technisch nichts könnte.
Windows 11 nervt, weil es seine technischen Fähigkeiten mit Kontozwang, Werbung, Empfehlungen, Cloud-Verknüpfungen und Telemetrie verbindet.
Fazit: Das Betriebssystem als Verkaufsveranstaltung
Ich wollte Windows 11 nur kurz installieren.
Dafür musste ich zuerst Kubuntu auf eine externe SSD verschieben, weil Windows nicht einfach regulär auf einem USB-Laufwerk installiert werden möchte.
Danach durfte ich über eine Stunde dabei zusehen, wie Windows Dateien kopierte, Geräte vorbereitete, mehrfach neu startete und mich anschließend durch Microsoft-Konto, Datenschutzoptionen, Cloud-Funktionen und diverse Empfehlungen führte.
Als ich endlich auf dem Desktop angekommen war, warteten bereits die nächsten Updates.
Eine Linux-Installation fühlt sich dagegen meistens so an, als würde ich ein Betriebssystem installieren.
Eine Windows-Installation fühlt sich zunehmend so an, als würde ich einem Unternehmen erklären, welche seiner Dienste ich heute ausnahmsweise nicht abonnieren möchte.
Und genau deshalb kann ich jeden verstehen, der Windows 11 irgendwann den Rücken kehrt.
Nicht, weil Linux immer perfekt wäre.
Nicht, weil unter Linux niemals etwas kaputtgeht.
Und auch nicht, weil Microsoft ausschließlich schlechte Software entwickeln würde.
Sondern weil viele Nutzer schlicht keine Lust mehr darauf haben, dass ihr gekauftes Betriebssystem gleichzeitig Benutzerkonto, Werbeplattform, Cloud-Verkaufsfläche und Telemetrieclient sein möchte.
Windows 11 hat den PC für normale Privatnutzer in vielerlei Hinsicht bequem gemacht.
Microsoft hat dabei nur vergessen, dass Bequemlichkeit irgendwann aufhört, wenn man sich auf dem eigenen Rechner ständig wie ein potenzieller Kunde behandelt fühlt.
Ich wollte Codex GUI testen.
Windows wollte eine Beziehung.